ARS LONGA VITA BREVIS

Freskendetail im Alten Rathaus Göttingen  Photograph: Rosbach

In früheren Zeiten war es eher die Regel als die Ausnahme, dass das Leben der Menschen vor dem 50. Geburtstag endete. Daher ist es nicht überraschend, dass die meisten unserer fernen Vorfahren ihre Lebensleistungen bereits in jungen Jahren erbracht haben. Dennoch heben sich Personen in der Geschichte besonders hervor, wenn sie sich durch außergewöhnliche Taten in den Bereichen Kultur oder Staatsführung ausgezeichnet haben, obwohl sie nur ein kurzes Leben führten.

Ein gutes Beispiel dafür ist Marcus Sitticus (Merk Sittich) IV. von Hohenems (1574-1619). Er war ein durchaus fähiger Staatsmann, ein emsiger Baumeister und ein schöngeistiger Liebhaber der Künste. Für kurze Zeit regierte er als vornehmster Kirchenfürst im Alten Reich. Merk Sittich war nur sieben Jahre lang, von 1612 bis 1619, Fürsterzbischof von Salzburg, legte aber zusammen mit seinem Vetter und Vorgänger Wolf Dietrich von Raitenau (1559-1617) den Grundstein für das neuzeitliche Salzburg, so wie wir es kennen und lieben.

Der Fürsterzbischof mit seinen Hauptwerken
Künstler: Mascagni (1618)   Quelle: Salzburg Museum

Seinen Lebenslauf bis zu seiner Wahl zum Erzbischof haben wir bereits eingehend beschrieben (Im Land des weißen Goldes). Nun können wir uns seinem Wirken und seinen Errungenschaften während seiner knapp siebenjährigen Regierungszeit widmen.

-o-

Zunächst eine Episode aus Merk Sittichs Bischofskarriere, die seinem Nachruf für immer schaden sollte. Es geht um die Gefangenschaft seines Vorgängers, Wolf Dietrich von Raitenau. Merk Sittich wird beschuldigt, er sei verantwortlich dafür, dass er seinen Cousin ohne Anlass – vielleicht sogar aus Böswilligkeit – fünf Jahre lang, bis zu dessen Tod, in strenger Isolationshaft gehalten hat. Packen wir den Stier bei den Hörnern und untersuchen diese Anklage als Einleitung unseres Essays näher.

Wolf Dietrichs Isolierhaft begann im Sommer 1612. Im Frühjahr desselben Jahres, nach seinem Rücktritt als Erzbischof am 7. März (Im Land des Weissen Goldes), hatte er die Räumlichkeiten in der Festung Hohensalzburg in Abwarten seiner Freilassung zur Verfügung. Er konnte sich dort relativ frei bewegen und mit allen Parteien korrespondieren. In diesen Monaten musste sein Nachfolger Merk Sittich noch die Bestätigung seiner Fürstenstellung durch den Kaiser abwarten. Das konnte nicht umgehend geschehen. Kaiser Rudolf II. war im Jänner gestorben und sein Nachfolger Matthias wurde erst im Juni zum Kaiser gewählt und gekrönt.

In der Zwischenzeit stellte sich heraus, dass Wolf Dietrich seine arrogante Selbsteinschätzung keineswegs verloren hatte. Er behauptete, sein Rücktritt gelte nur der kirchlichen Bischofswürde und keineswegs der weltlichen Macht des Fürsten von Salzburg. Er sei in der Lage, den antretenden Kaiser Matthias davon zu überzeugen, ihn in seiner Stellung als Herr von Salzburg zu belassen.

Dies hatte eine unmittelbare Reaktion der bedrohten Parteien zur Folge. Papst, Herzog und der neue Erzbischof waren sich einig, dass der Widersacher unverzüglich zum Schweigen gebracht werden müsse. Er wurde sofort in seiner Freiheit beschränkt und in Isolationshaft gesetzt.

Ein (ehemaliger) Fürsterzbischof in Isolierungshaft
Künstler: Rottmann/Petzolt (1849)     Quelle: Antiquariat Johannes Müller, Salzburg

Die Bedingungen waren allerdings großzügig. So wurden ihm drei Schlossgemächer in Hohensalzburg zur Verfügung gestellt, in denen er zusammen mit zwei Franziskanermönchen als Seelsorgern und zwei Leibdienern untergebracht war. Auch für sein leibliches Wohl war gesorgt. Ein Leibkoch wurde angestellt, der für vorzügliche Mahlzeiten sorgte. Zudem wurde täglich guter Wein kredenzt.

Im September desselben Jahres übergab der päpstliche Nuntius Antonio Diaz dann im Auftrag des Papstes formell die Verantwortung für Wolf Dietrich an den neuen Erzbischof. Bis dahin war Wolf Dietrich Gefangener des Papstes; erst jetzt wurde Merk Sittich Gefängniswärter des Abgetretenen. Dies sollte sich für den Gefangenen als verhängnisvoll erweisen.

Trotz Isolationshaft gab der Gefangene seine Versuche nicht auf, Kontakt mit Kaiser, Papst, Verwandten und edlen Freunden aufzunehmen, um seine Freilassung oder andere Begünstigungen zu erreichen. Mitteilungen wurden durch die Fenster geschleust, im Plafond wurde ein Loch gebohrt, Wärter wurden bestochen und Depeschen ausgeschickt. Dies führte wiederum zu Reaktionen seitens des Gefängniswärters. Die Fenster wurden versperrt, die Löcher gestopft, die Wache ausgetauscht und die neuen Wächter streng angewiesen, jeglichen Kontakt mit Wolf Dietrich zu vermeiden.

Die edlen Brüder von Raitenau
Hans Werner im Vordergrund; Hans Ulrich links neben ihm
Quelle: Detail von Ölbild im Schloss Mooßham/Lungau

Mit der Zeit begannen die Verwandten des Gefangenen, sich für seine Freilassung einzusetzen. Zwei seiner Brüder, Hans Werner und Hans Ulrich von Raitenau, waren Komture im Malteser- bzw. Deutschen Orden. Dank ihrer Stellung hatten sie Zugang zu Papst und Kaiser. Durch ihre stetigen Fürbitten war der Papst schließlich geneigt, den Gefangenen freizulassen. Doch dem neuen Erzbischof gelang es immer wieder, diese Initiativen zu torpedieren.

Warum argumentierte Merk Sittich so entschieden gegen die Freilassung? Dem Papst gegenüber führte er an, dass sich Wolf Dietrich als Freigelassener bestimmt nicht mit einem friedlichen und bescheidenen Lebensabend begnügen würde. Unter anderem bestehe die Gefahr, dass er sich mit den Protestanten in Salzburg und protestantischen Fürsten im Norden des Reiches verbünde und Unheil gegen Papst, Kaiser und den Erzbischof anstiften könnte.

War dies wirklich sein Motiv? Wahrscheinlich spielten private Gründe eine entscheidende Rolle. Merk Sittich war persönlich dafür verantwortlich, dass der Gefangene einer fast unmenschlichen Isolation ausgesetzt wurde. Auch wenn die Gemächer ausreichend waren und die Verpflegung angemessen, musste Wolf Dietrich zusammen mit seinen Begleitern sein Leben im Halbdunkeln verbringen, da die Fenster verbarrikadiert waren. Jeglicher Kontakt mit Wärtern oder anderen Außenstehenden war strikt unterbunden.

Der Erzbischof hatte allen Grund zu der Vermutung, dass der Gefangene mit der Zeit Hass gegen seinen Wärter schüren würde. Würde er sich nicht, wenn freigelassen, mit scharfer Zunge und gespitzter Feder an Merk Sittich rächen wollen? Wolf Dietrich war im Reich als Gelehrter bekannt und seinem Vetter in Bildung und Status weit überlegen; Merk Sittich hatte es ja nicht einmal zum Studienabschluss geschafft. Wem würde man eher Glauben schenken: dem großen Humanisten, der vom Vetter im Gefängnis „misshandelt” wurde, oder dem Gefängniswärter? So wie Merk Sittich es sah, würde ein freigelassener Wolf Dietrich seinem Ruf irreparablen Schaden zufügen.

Ein gefangener Prior, von Lord Byron besungen
Künstler: Hébert/Lugardon (1830)    Quelle: Bibliothèque de Genève

Und so nahm das Schicksal des Gefangenen seinen Lauf. Wolf Dietrich musste fast fünf Jahre lang auf Hohensalzburg verschmachten, bis er schließlich im Jänner 1617 von seinen Plagen erlöst wurde. Merk Sittichs Hoffnung, der Gefangene würde nach seinem Tod in Vergessenheit geraten, erfüllte sich jedoch nicht. Ganz im Gegenteil! Wolf Dietrich wurde einer von zwei kirchlichen Würdenträgern, die in der Geschichte als berühmte Gefangene weiterleben. Er teilt seinen „Ruhm” mit einem Prior von Genf, der zwar in feuchten Kellergewölben schmachten musste, aber nach vier Jahren doch wieder freigelassen und von einem berühmten Dichter verewigt wurde. Merk Sittichs Nachruf wurde durch die Behandlung des Gefangenen für immer geschmälert!

-o-

Nachdem wir diese erbärmliche Geschichte hinter uns gebracht haben, können wir uns nun Merk Sittichs Lebensbahn als Fürsterzbischof widmen. Um mit seinen bekanntesten Erfolgen zu beginnen: Der Fürst ist vor allem durch seine rege und sehr maßgebliche Bautätigkeit berühmt geworden. Merk Sittich besaß zwar keine architektonische Begabung wie sein Vorgänger, der sogar seine eigenen Baupläne skizzierte. Er hatte jedoch die Fähigkeit – und vielleicht auch das Glück –, einen Architekten zu finden und zu fördern, der seine oft vagen Vorgaben mit hervorragenden, ja bahnbrechenden Bauten umsetzte.

Der Architekt hieß Santino Solari (1576-1664); er baute alle Großwerke des Erzbischofs. Hinzu kam der Maler Donato Mascagni (1579-1636), der die Bauwerke mit wundergleichen Fresken und Bildnissen verschönerte. Auch nach dem Ableben Merk Sittichs würden beide in Salzburg bleiben und sich als wahre Hauskünstler des Fürstentums Salzburg behaupten.

Donato Mascagni                                           Santino Solari
Künstler: Mascagni (1632)                       Künstler: Solari Sohn (1646)
 Quelle: Dommuseum Salzburg                    Quelle: Gruft Friedhof St. Peter

Kommen wir noch einmal auf das Hauptwerk Merk Sittichs, die Kathedrale, zurück, das wir schon früher vorgestellt haben (Baudrang). Wie bereits erwähnt, hatte sein Vorgänger Wolf Dietrich bereits die Grundmauern für einen Dom im Stil der Renaissance gelegt, nachdem er den überwältigenden Plan des Architekten Scamozzi nach seinen eigenen Vorstellungen umgestaltet hatte. Jedoch entsprach auch dieser neue Plan keinesfalls den Vorstellungen des neuen Erzbischofs. Er könnte ihn sogar als einen Verstoß gegen die kirchlichen Weisungen gefunden haben, die nach dem Trienter Konzil die Gegenreformation einleiten sollten.

Im Gegensatz zu Wolf Dietrich war Merk Sittich ein durchaus frommer Gläubiger, stark vom Einfluss seiner Mutter geprägt und der seines Onkels Carlo Borromeo, der ja zu dieser Zeit schon heiliggesprochen war. Der Erzbischof von Mailand war einer der Hauptverantwortlichen für die Umsetzung der Trienter Glaubensartikel (Gottes Vorkämpfer). Unter anderem hatte er eine ausführliche Anweisung veröffentlicht, die beschrieb, wie kirchliche Neubauten zu gestalten und einzurichten seien. Dieses Manual war dem Salzburger Erzbischof bekannt, und er entschied, es beim Bau des Salzburger Doms umzusetzen. Wolf Dietrichs Grundmauern wurden abgerissen und der Bau wurde wieder von vorne begonnen.

Wie Kirchen zu bauen und einzurichten seien!
Seiten aus Borromeo [1577], Instructionum fabricae ...   Quelle: Libreria Alberto Govi

Solari war bestens geeignet, die eher prinzipiellen Anweisungen des Heiligen im Bau zu konkretisieren. Er hatte bereits umfassende Erfahrung mit den neuen Prachtbauten, die in Rom in den Jahrzehnten nach Trient entstanden waren, und erhielt vom Auftraggeber freie Hand, diese Erfahrungen beim Bau der Kathedrale einfließen zu lassen. Das Ergebnis war erstaunlich: Der Salzburger Dom erwies sich als das erste Beispiel einer barocken Prachtkirche im Reich nördlich der Alpen. Über mehr als ein Jahrhundert hinweg sollte er für alle Kirchenbauten im süddeutschen (katholischen) Raum den Ton angeben.

Der Erzbischof sollte die Fertigstellung dieses Prachtbaus nicht mehr erleben. Doch war das Projekt bei seinem Tod schon so weit fortgeschritten, dass man es zweifellos als sein Werk betrachten kann. Es fehlten nur noch ein Teil des Daches, die Kuppel und die Innenausstattung; deren Vollendung oblag seinem Nachfolger Paris von Lodron (1586-1653).

Salzburger Dom, vom Kapitelplatz gesehen
Künstler: Danreiter (1731)   Quelle: Residenzgalerie Salzburg

Anders als der Dom, der der Verherrlichung Gottes dienen und dem Volk den richtigen (katholischen) Weg zu seiner Gnade weisen sollte, war Merk Sittichs zweites Großwerk, das Schloss Hellbrunn, für seinen persönlichen Gebrauch bestimmt. Hier gab es keine von einem Heiligen vorgegebenen Bauvorschriften, sodass der Erzbischof seinen eigenen Vorstellungen freien Lauf lassen konnte.

Wenn man die Schlossanlage heute besucht, kann man noch immer einen guten Eindruck vom ursprünglichen Bauwerk gewinnen. Der Palast mit seinen Prachtsälen, die mit leuchtenden Fresken bemalt sind, und die direkt anschließenden Gartenanlagen sind bestens erhalten. Die im Park gelegenen vielfältigen, zierlichen Wasserspiele und Kunstgrotten sind auch noch heute zu bewundern. Dies vermittelt den Besuchern einen guten Eindruck eines kleinen Palastes, der einer italienischen „Villa suburbana” im Renaissancestil gleicht und von einem schön abgegrenzten Park mit allerlei Lustbarkeiten und Schauspielen umgeben ist. Doch damit ist nur ein kleiner Teil der ursprünglichen Parkanlage erfasst.

Fresken im Hellbrunner Festsaal – 360° Panorama
Künstler: Mascagni (1617)

Wie vom Erzbischof geplant, umfasste die von einer Mauer umgebene Anlage ursprünglich ganze 60 Hektar. Es ist erstaunlich, dass das Gesamtwerk in nur vier Jahren entstanden ist. Der Architekt und Baumeister war wie bei der Kathedrale Santino Solari. Für die Innenausstattung des Schlosses und der vielen kleineren Gebäude, Fassaden und Grotten war dagegen der Maler und Bildhauer Donato Mascagni verantwortlich. Es müssen auch andere Meister beteiligt gewesen sein, vor allem, um die Parkanlagen um das Schloss herum zu gestalten und die zahlreichen Skulpturen und Verzierungen anzufertigen.

Leider sind keine Pläne oder Dokumente des Baus erhalten. Man kann davon ausgehen, dass der Fürst seine Wünsche und Vorgaben hauptsächlich mündlich oder in Form einfacher Zeichnungen darlegte, die die Meister nach bestem Vermögen verwirklichten. Glücklicherweise hat Mascagni in seinem berühmten Porträt des Erzbischofs das Schloss und dessen engeren Umkreis als Hintergrund wiedergegeben (Bilderkavalkade oben links), sodass wir über den Originalzustand der „Villa suburbana” Bescheid wissen.

Bilderkavalkade vom Schloss Hellbrunn

Im Südwesten des Schlosses befindet sich zudem ein bewaldeter Hügel mit einem kleinen Jagdschlössl namens Waldems auf dem Kamm. Dahinter wurden in Gehegen seltene Hochwildarten wie Steinböcke (das Wappentier der Emser) und weiße Hirsche gehalten, die von Merk Sittichs Gästen bequem gejagt werden konnten. Dies ist auf einer Perspektivübersicht aus dem Jahr 1644 zu erkennen (Bilderkavalkade oben rechts). Die Übersicht zeigt allerdings nur die Hälfte der Hellbrunner Anlage.

Begeben wir uns nun in die andere Hälfte des Parks, die links außerhalb der Perspektivübersicht liegt. Hier stand einst das schöne Lustschlösschen Belvedere, das leider nicht erhalten ist. Von dort aus soll man eine wunderschöne Aussicht gehabt haben: hin zur Salzach und bis zur Festung Hohensalzburg. Am Fuße des Baus befand sich eine künstliche Wildnis, die vom frommen Merkur Sittich sicherlich selber konzipiert wurde.

In diesem Wald lagen damals einige Einsiedeleien, Kapellen, ein Kreuzgang und etliche Heiligenstatuen versteckt. Dieser Teil des Parks, der ungefähr gleich groß war wie die Park- und Gartenanlage beim Schloss, ist leider nicht mehr erhalten. An dieser Stelle befindet sich heute der Salzburger Zoo. Südlich davon liegt das berühmte Steintheater, das damals in dem Steinbruch eingerichtet wurde, der das Bauen der Anlagen mit Material versorgt hatte. Als älteste Freiluftbühne Europas war es schon zu Merk Sittichs Zeiten berühmt und bewundert.

Das Hellbrunner Steintheater
Künstler: Seitner (1836)      Quelle: Antiquariat Johannes Müller

Man kann sich gut vorstellen, dass Merk Sittich, der fromme Gläubige, es nach mehreren Tagen der Bewirtung hoher Gäste in Saus und Braus mit allerlei Festen, Belustigungen und Zeitvertreib im engeren Schlosskomplex dringend nötig hatte, nach Abfahrt der Gäste die geistliche „Wildnis” aufzusuchen, um dort „Buße” zu tun, zu meditieren und in Muße den Blick vom Belvedere auf seine Residenzstadt zu genießen. So ergänzte das Geistliche das Weltliche als Kontrapunkt in diesem imposanten Komplex von Gesamtkunstwerk.

Hellbrunn war die letzte im Reich nördlich der Alpen erbaute Lustschloss- und Parkanlage im Renaissancestil. Kurz nach ihrer Fertigstellung brach der Dreißigjährige Krieg aus, der ein Moratorium sämtlicher Großbauten im Reich über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg mit sich brachte. Danach baute man solche Anlagen nicht mehr mit Italien als Vorbild, sondern im Barockstil mit der Siegermacht Frankreich als Inspiration.

Merk Sittichs Hellbrunn war bereits in den Jahrzehnten nach seiner Entstehung im ganzen Reich bekannt und bewundert. Papst Paul V. (1550–1621) war von dem „geistlichen” Teil der Anlage so beeindruckt, dass er allen Besuchern dort sofort den Ablass (Sündenerlass) gewährte. Der „irdische” Teil wurde von den Besuchern mit den besten Villenanlagen in Italien gleichgesetzt. Ein Zitat des Ratgebers des Herzogs von Bayern mag dies bekräftigen:

O che bel retiro! O welche liebliche Freude! O irdisches Paradies! Ein Ort, der wahrhaft seinen Namen verdient, denn es gibt Wasser dort, die klarer sind als Glas, heller als Kristall, worin sich der Himmel spiegelt. Was immer da ist, ist entstanden durch Liebe eines Fürsten, das Vergnügen eines großen Geistes, der hundert Bächlein auf eine Ebene umzäunten Glückes herabweinen läßt ... Ein Labyrinth von Wassern ist der Garten, ein Spiel der Najaden, ein Theater der Blumen, ein Kapitol von Statuen, eine Musenstätte der Grazien.

-o-

Demnächst widmen wir uns den anderen Errungenschaften Merk Sittichs im Bereich der Künste und Wissenschaften. Um mit Letzteren zu beginnen, hat Salzburg es dem Erzbischof zu verdanken, dass die Stadt mit einer Universität stolzieren darf. Schon Wolf Dietrich von Raitenau hatte eine solche Lehranstalt geplant, doch alle seine Versuche scheiterten.

In der frühen Barockzeit war man auf die Zusammenarbeit mit einem Klosterorden angewiesen, um eine geistliche Hochschule mit wissenschaftlichen Lehrkräften starten zu können. Gleich nach seinem Amtsantritt begann Merk Sittich, ein solches Institut zu planen. Er nahm Kontakt mit den Jesuiten auf, die sich berufen sahen, die Gegenreformation durch höhere Erziehung durchzusetzen. Leider ohne Erfolg. Auch die Franziskaner und Augustiner lehnten eine Zusammenarbeit ab. So war guter Rat teuer! Zum Glück kamen ihm die Benediktiner entgegen.

In Salzburg gab es seit jeher ein Benediktinerkloster, das sogar das älteste im deutschen Sprachraum war. Die Abtei Sankt Peter betrieb auch eine Klosterschule, in der die Schüler zunächst Latein und später auch Hebräisch und Rhetorik lernen konnten. Der Abt des Stiftes war ein engagierter Pädagoge. Er bot dem Erzbischof seine Hilfe an und erklärte sich bereit, Benediktinerklöster in Bayern und Schwaben dazu zu bewegen, Lehrkräfte für eine höhere Lehranstalt zur Verfügung zu stellen. Dies wollte er jedoch nur tun, wenn geeignete Räumlichkeiten bereitgestellt würden und die Finanzierung der Lehrkräfte und Schüler nachhaltig gesichert sei. Der Fürst garantierte dies gerne und so machte sich Abt Joachim Puechauer im Jahr 1617 auf die Reise.

Abt Joachim Puechauers Wappen
Künstler: von Frey (um 1883)  Quelle: Salzburg Museum

Und er hatte Erfolg! Fünf Benediktinerklöster verpflichteten sich, gemeinsam die Lehrkräfte für die neue Lehranstalt zu stellen. Mit den Augen von heute betrachtet, waren die vom Erzbischof gewünschten Lehrfächer eher exotisch: Es handelte sich um „Moraltheologie, Dialektik, Rhetorik, Poetik, Syntaxis und Grammatik”. Diese bildeten damals wohl den philosophischen Kern der Lehren renommierter Universitäten.

Auch der Bau des zukünftigen Universitätsgeländes wurde vorangetrieben. Bald standen die Grundmauern des ersten Salzburger Universitätsgebäudes und des „Sacernum", der Kapelle. Nun musste die Lehranstalt nur noch formell von Kaiser und Papst als Universität anerkannt werden. Leider konnte Merk Sittich es nicht mehr erreichen, da er bereits im Jahr 1619 starb, bevor er diese Initiative ergreifen konnte. Diese Aufgabe übernahm sein Nachfolger Paris von Lodron, der sich damit das Anrecht des Gründers der Salzburger Universität sicherte.

Die alte Universität und das Sacernum – rechts von der späteren Universitätskirche
Künstler: Danreiter (1731)     Quelle: Residenzgalerie Salzburg

Die im Jahr 1622 gegründete Universität war und verblieb die einzige von Benediktinern betriebene Hochschule im Christentum. Als solche war sie bis zu ihrer Auflösung in den Napoleonkriegen ein Konkurrent zu den Jesuitenschulen, eine überaus populäre Lehranstalt und zeitweise die am besten besuchte im süddeutschen Raum!

Was die schönen Künste betrifft, war Merk Sittich kein nennenswerter Mäzen und Sammler von Bildern, Statuen und Büchern. Das im Gegensatz zu seinem Onkel, dem Kardinal Merk Sittich III., und besonders dessen Enkel, Herzog Giovanni Angelo d'Altemps (1587-1620). Sein Interesse galt eher den ephemeren Künsten. Er ist noch heute berühmt für seine großartigen Feste, Karnevalsumzüge und Schauspiele, die er als Gesamtkunstwerke inszenierte und bis ins Detail instruierte.

Dieses Interesse für grandiose öffentliche Schauspiele zeugt von Merk Sittichs italienischer Seite. Von seinen Aufenthalten in Mailand, Rom und Bologna hatte er mit Sicherheit all die prächtigen kirchlichen und weltlichen Festumzüge und Schauspiele, vor allem in Rom, in Erinnerung und sich von ihnen inspirieren lassen. Auch wird er sich an die grandiosen, dreitägigen Hochzeitsfestlichkeiten seines eigenen Vaters im Vatikan zur Karnevalszeit erinnert haben, die den Römern bis heute als „La mostra della giostra” im Gedächtnis geblieben sind (Himmlisches Gönnen; De claris mulieribus). In Mailand wird man ihm außerdem von den eindrucksvollen Prozessionen seines Onkels erzählt haben, der ihnen in der Pestzeit mit einem schweren Reliquienkreuz auf den Schultern voranschritt und sie überall auf den Stadtplätzen mit Gesang, Beten und Messen unter offenem Himmel für die quarantänisierten Pestkranken anführte (Gottes Vorkämpfer).

La mostra della giostra 1565
Künstler: Unbekannt     Quelle: Hulton Fine Art Collection

Ein erster Höhepunkt dieser Veranstaltungen unter Merk Sittich waren die Karnevalsfestlichkeiten im Jahr 1614. Erst musste nämlich ein Jahr nach seinem Amtsantritt vergehen, bevor die Einwohner der Residenzstadt einsahen, dass ihr neuer Herr die traditionellen Karnevalsbräuche „Radau, Saufen und Raufen" nicht duldete und durch kunstvolle Prunkveranstaltungen ersetzen wollte. Laut den konkreten Anweisungen des Erzbischofs wurde die gesamte Bevölkerung dazu aufgefordert, Maskeradumzüge in der Faschingswoche zu organisieren – vom Adel bis zu den Handwerksgilden. Hinzu kamen öffentliche Belustigungen wie Scheinjagden und Turnierspiele sowie Theater- und Musikvorstellungen in der Residenz.

Da ist es nicht überraschend, dass die Uraufführung der ersten Oper nördlich der Alpen überhaupt in dieser Fastnacht stattfand. Es handelte sich um Monteverdis Oper „L'Orfeo“, die am 10. Februar 1614, nur fünf Jahre nach der Uraufführung in Mantua, im Carabinierisaal der Salzburger Neuen Residenz präsentiert wurde. Merk Sittich war mit den Gonzagas, den Herren von Mantua, befreundet und konnte sich von ihnen sogar Musiker und Sänger für die Aufführung in Salzburg ausleihen. (Die Einleitung der Oper ist auf diesem Video zu sehen)

Claudio Monteverdi und sein Werk
Künstler: Strozzi (um 1630          Quelle: Fernandeum, Innsbruck

So vergingen die Jahre mit Karnevalsveranstaltungen, festlichen Prozessionen zu den Feiertagen, großartigen Empfängen von Nachbarfürsten und der Hochzeit seines Nepoten Jakob Hannibal II. Im Jahr 1617 wurden die Feiern jedoch abgesagt, und durch ein bestens inszeniertes und aufwendiges Begräbniszeremoniell für seinen Vorgänger Wolf Dietrich von Raitenau ersetzt.

Als Höhepunkt der Karnevalsveranstaltungen gelten die zwei außerordentlichen Festwochen im Jänner 1618. Die vom Erzbischof selbst verfasste "Faschingsordnung" umfasste, wie ein Drehbuch für alle Bewohner Salzburgs, ganze 20 Seiten!  Nie wieder würde Salzburg solch großartige und kunstvolle Vorstellungen erleben. Denn schon 1619 wurde der Karneval eingestellt, im Hinblick auf den Beginn des Dreißigjährigen Krieges. 

Trotz allem sollte Salzburg ein letztes Crescendo von Merk Sittichs Kunstveranstaltungen erleben. Im Juli 1619 besuchte König Ferdinand II. (1578-1637) auf seiner Reise nach Frankfurt zur Kaiserkrönung die Stadt. Keine Mittel wurden gescheut, um dem Regenten die Residenzstadt in all ihrem Glanz zu präsentieren. Dank der Jahreszeit konnte auch das Lustschloss Hellbrunn in die Veranstaltungen integriert werden. Ein Höhepunkt war dabei aus heutiger Sicht, dass zum ersten Mal eine Oper im Steintheater des Lustparks aufgeführt wurde: Monteverdis Werk „L'Orfeo”, versteht sich!

Ferdinand II. zur Zeit seiner Kaiserkrönung
Künstler: Zilian (1619)   Quelle: WienMuseum

Bei Ferdinands Rückkehr von Frankfurt am 10. Oktober kam ein feierlicher Staatsbesuch nicht mehr in Frage. Merk Sittich IV. war gerade am Tag zuvor gestorben, sodass sich der Kaiser mit den Trauerfeiern begnügen musste.

Mit seinen kunstvollen und prächtigen Veranstaltungen hatte der Erzbischof der Residenzstadt Salzburg einen goldenen Schimmer verliehen, der bald nach seinem Ableben verblasste. Die neuzeitlichen Salzburger Festspiele erbieten uns jedoch einen Widerschein dieser Glanzepoche Salzburgs und versetzen unsere Gedanken ungezwungen dorthin zurück.

-o-

Es wird langsam Zeit, sich mit den privaten Umständen des Erzbischofs zu befassen. Beginnen wir mit einem (für die Kirche) etwas heiklen Thema: Merk Sittichs Verhältnis zum schönen Geschlecht. Zur damaligen Zeit war es eher die Regel als die Ausnahme, dass Kirchenfürsten engen Umgang mit Konkubinen pflegten. Wolf Dietrich von Raitenau, der Vorgänger Merk Sittichs, hatte ein robustes Liebes- und sogar Familienverhältnis mit der schönen Salome Alt (1568-1633). Sie gebar ihm 15 Kinder, von denen gar zehn die Geburt überlebten. Im Gegensatz zu Wolf Dietrich hielt Merkur Sittich einen gehörigen Abstand zu den Frauen. Dies könnte auf seiner Frömmigkeit und dem Einfluss bzw. dem Vorbild seines Onkels, des Heiligen, beruhen.

Das Konzil von Trient, das die Gegenreformation einleitete (Gottes Vorkämpfer), verschärfte auch die Zölibatregeln der Kirche, um gezielt Abstand vom reformierten Glauben zu halten. Kardinal Carlo Borromeo, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Trienter Artikel in Taten umzusetzen, lebte selbst im strengen Zölibat, und hielt auch die Priester in seinem Erzbistum Mailand diesbezüglich fest in den Zügeln, was seinem Neffen Merk Sittich sicherlich bekannt war.

Dem Beispiel des Heiligen folgend, begann Merk Sittich schon gegen Beginn seiner Amtszeit, gegen die „Unzucht" der Priesterschaft in seiner Diözese einzuschreiten. Sein Vorgänger war verständlicherweise kaum an solcher Disziplinierung interessiert. Der neue Erzbischof dagegen erließ ein Verbot für geweihte Kleriker, weibliche Gesellschaft, aus welchem Grund auch immer, bei sich daheim zu behausen, seien es Dienerinnen, Köchinnen ... von Konkubinen ganz zu schweigen. Und Amtsvollzieher wurden in alle Richtungen ausgeschickt, um das Verbot ohne Erbarmen durchzuziehen. 

Oben: Platonische Verehrung           Unten: Robuster Liebesverkehr!

Es gab jedoch wahrscheinlich auch private Gründe für Merk Sittichs Abstand vom weiblichen Geschlecht. So ist bekannt, dass der Erzbischof an einer chronischen Krankheit litt, die heute als „Rektumprolaps" bezeichnet wird. Sie verursachte mit Sicherheit einen unangenehmen Odor, der den von Natur aus scheuen Fürsten davon abhielt, engeren Kontakt mit Mitmenschen zu pflegen. So musste er sich wohl mit platonischer Bewunderung für hübsche Frauen begnügen. Aber das ließ er sich nicht abschlagen!

Am Hof des Erzbischofs gab es eine holde Frau, die er anscheinend sehr schätzte – mit Abstand, versteht sich! Sie hieß Ursula Katharina und war die Gemahlin des Kapitäns seiner Leibgarde, Johann Sigmund von Mabon. Zu ihren Gunsten ließ er eine stattliche Behausung für das Ehepaar errichten, das Schlössl Emsburg, in der Nähe von Hellbrunn, das man heute noch besichtigen kann. Ein mehr direktes Zeichen seiner Bewunderung ist auch im Schloss Hellbrunn zu sehen: Porträts der beiden eingebettet in den Fresken des Oktogons (oberer Bilderrand).

Schlössl Emsburg
Künstler: Unbekannt   Quelle: Salzburg Museum

Demnächst widmen wir uns der Beziehung Merk Sittichs zu seiner Familie, insbesondere zu seinem Neffen Jakob Hannibal II. (1595-1646). Wie in geistlichen Fürstentümern üblich, setzte der Erzbischof diesen als seinen „Nepoten“ in Salzburg ein. Da er als Kirchenfürst keine legitimen Nachkommen hatte, konnten nur jüngere Neffen als vertraute Mitarbeiter im Staatsdienst eingesetzt werden. Der Fürst schätzte „Anibaldo“ schon als Kind und war stets bereit, ihn zu fördern. Zu seinem Bedauern war der Neffe jedoch intellektuell überfordert und konnte die Ansprüche seines Förderers nicht erfüllen. Bereits als Schüler an der Lateinschule in Konstanz (Im Land des weißen Goldes) versagte er, sodass eine kirchliche Laufbahn für ihn nicht in Frage kam.

Trotzdem berief der Erzbischof ihn bald nach seinem Amtsantritt nach Salzburg und setzte den damals 17-Jährigen als Oberstkämmerer in seiner Hofverwaltung ein. Für diesen Dienst erwies sich der Jüngling jedoch als eher ungeeignet. So vergingen drei Jahre und es wurde Zeit für den Nepoten, sich eine Frau zu suchen. Um ihn einigermaßen heiratsfähig zu machen, beschlossen Onkel und Vater einvernehmlich, ihn auf Kosten des Fürstentums auf eine Bildungsreise nach Italien zu schicken. Sie hofften, dass Jakob Hannibal, begleitet von einem gelehrten Führer, sich dort die guten Sitten und Eigenschaften des verwandten und befreundeten Hochadels aneignen und wertvolle Beziehungen zu den hohen Würdenträgern in Rom knüpfen könne.

Jakob Hannibal II. mit Gemahlin Sidonia von Teschen
Künstler: Unbekannt   Quelle: Porträtgalerie Policka

Gegen Ende des Jahres 1616 wurde mit Anna Sidona (1598-1619), der ältesten Tochter des Herzogs von Teschen, eine standesgemäße Braut für ihn gefunden. Im Jänner 1617 fand der feierliche Einzug des neugetrauten Paares in Salzburg statt. Anschließend wurde Jakob Hannibal zum Obersthofmarschall ernannt und erhielt einen fürstlichen Lohn von 500 (Salzburger) Florinen im Monat. Auch eine stattliche Residenz wurde für ihn gebaut: das Schlösschen Emslieb in der Nähe von Hellbrunn. Seine Aufgaben mussten  allerdings hauptsächlich von Paris von Lodron ausgeführt werden, der als Kammerpräsident nur 100 Florinen im Monat bezog!

Doch schon im Sommer 1617 kam es zu einem großen Konflikt mit dem Erzbischof, da weder Jakob Hannibal noch seine Gemahlin Sidonia seinen Erwartungen entsprachen. Während der Nepot Trinken und Kartenspielen den Verwaltungsarbeiten vorzog, entzog sich Sidonia den Repräsentationspflichten einer fürstlichen Hofdame. Schließlich verbannte der Erzbischof beide vom Salzburger Hof, woraufhin sie sich schmählich nach Hohenems zurückziehen mussten.

Schlössl Emslieb bei Hellbrunn
Künstler: Schneeweis (um 1800)   Quelle: Antiquariat Johannes Müller

Auf Bitten von Jakobs Eltern erbarmte sich jedoch der Fürst des Nepoten, sodass dieser seine Stelle in Salzburg gegen Ende des Jahres 1617 wieder antreten durfte. Doch kurze Zeit später starben sein neugeborener Sohn und Sidonia, und Jakob Hannibal verfiel erneut der Trink- und Spielsucht. Nach dem Tod des Erzbischofs hatte dessen Nachfolger Paris de Lodron verständlicherweise keine Verwendung für den überforderten Nepoten. Er musste sich mit einem Schuldenberg von 7.000 Florinen, den er trotz seines beträchtlichen Einkommens angehäuft hatte, nach Hohenems zurückziehen!

-o-

Nicht zuletzt muss auch von der Staatskunst des Fürsten berichtet werden. Wie allen Salzburger Erzbischöfen oblag es ihm, sich mit seinen beiden Oberhäuptern, dem Papst und dem Kaiser, sowie den mächtigen Nachbarfürsten zu arrangieren. Vor allem ist zu untersuchen, wie er mit den strengen Antrittsbedingungen zurechtkam, die ihm nach der Eroberung Salzburgs und der Absetzung seines Vorgängers auferlegt wurden (Im Land des silbernen Goldes). Vor allem musste er den hohen Schadenersatzanspruch von 250.000 Gulden des Bayernfürsten Maximilian I. anerkennen, sowie die Bedingung, dass Salzburg der Katholischen Liga beitreten müsse, erfüllen. Außerdem sollte er den Staatshaushalt nicht mit verschwenderischem Prunk belasten. Hinzu kam die päpstliche Forderung, die Gegenreformation, die sein Vorgänger kläglich vernachlässigt hatte, zügig voranzutreiben.

Letzteres fiel ihm leicht, da es seiner eigenen Überzeugung entsprach. Während seiner Amtszeit wurde streng gegen die protestantische Minderheit vorgegangen, die sich vor allem in den Bergtälern niedergelassen hatte. Den Betroffenen wurden zwei Alternativen vorgesetzt: Entweder sie kehrten zum katholischen Glauben zurück oder sie wanderten aus. Dies ging einher mit einer strengen Generalvisitation der Geistlichen in den Pfarrgemeinden, ganz nach den Richtlinien des Konzils von Trient. Ganz erfolgreich war er mit seinen Maßnahmen allerdings nicht. Erst in den Jahren 1731/32 wurde der Protestantismus in Salzburg unter Erzbischof Leopold Anton von Firmian (1679-1744) vollständig ausgerottet. Merk Sittich konnte sich trotzdem gegenüber dem Papst als beflissener Gegenreformator präsentieren.

Vertriebene Salzburger Protestanten
Künstler: Boecklin (1732)   Quelle: Stadtbibliothek Lübeck

Was den Schadenersatz betrifft, zeigt sich hier deutlich die diplomatische Begabung Merk Sittichs. Anstatt die Forderungen schroff abzuweisen, zeigte er sich als neu installierter Fürsterzbischof durchaus bereit, Bayern für seine Kriegskosten zu entschädigen. Er bat jedoch um eine „Rechnung“, eine Inventur und Aufstellung der tatsächlichen Kriegskosten für Bayern, bevor die Bezahlung stattfinden könne. Damit hatte der Bayernherzog nicht gerechnet. Die von ihm verlangte Summe von 250.000 Gulden war mehr oder weniger aus der Luft gegriffen. Schlussendlich einigte man sich auf eine Kürzung auf 150.000 Gulden. Die Auszahlung dieses Betrags finanzierte der Erzbischof dann mit einem Darlehen auf das Land Salzburg, auf das wir noch zurückkommen werden.

Aus diplomatischer Sicht waren seine Bemühungen, den Beitritt Salzburgs zur Katholischen Liga zu verhindern, von größerer Bedeutung. Auch hier zeigte sich seine Schlauheit. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der den Beitritt schroff abgelehnt hatte, nahm Merk Sittich keine abweisende Position ein. Schließlich hatte er sich bei seinen Antrittsverhandlungen dazu verpflichtet. Er wusste jedoch jeder Aufforderung Herzog Maximilians I. von Bayern, der Liga zügig beizutreten, mit Entschuldigungen, Ausflüchten und Verzögerungen zu entgegnen. Er schickte zwar Delegierte zu den Versammlungen der Liga, jedoch nur, um Erfahrungen zu sammeln, sich über die dort gefassten Beschlüsse zu informieren und Salzburg unverbindlich zu vertreten. Ein Beitritt kam nie zustande! Dadurch blieb das Fürstentum Salzburg vom Dreißigjährigen Krieg verschont, wenngleich es aufgrund drastisch erhöhter Reichssteuern im Krieg doch hohe finanzielle Belastungen erdulden musste.

Die Katholische Liga wird 1609 gegründet
Künstler: von Piloty   Quelle: Maximilianeum, München

Auch der Aufforderung, verschwenderischen Prunk zu vermeiden, wusste er geschickt zu entgegnen. Zwar litt der Salzburger Staatshaushalt unter hohen Schulden. Doch der Erzbischof schaute immer darauf, dass diese Schulden nicht beträchtlich über 150.000 Florin hinauswuchsen. Damit konnte er seinen Gegnern stets den Schadenersatz als Erklärung vorweisen. Ausserdem war dies ein weiteres Argument dafür, den Eintritt in die Katholische Liga hinauszuziehen. Solange Salzburg die Schulden nicht tilgen konnte, erschien es aus staatsfinanziellem Blickwinkel nicht vertretbar, die Mehrkosten eines neuen Bündnisses auf sich zu nehmen, ließ er wissen.

-o-

Somit haben wir das Thema Merk Sittich mit zwei fast zu langen Essays ausführlich behandelt. In der Geschichte wird Fürsterzbischof Marcus Sitticus IV. von Hohenems oft als kurzes und unbedeutendes Intermezzo zwischen zwei hervorragenden und langregierenden Fürsten Salzburgs erwähnt und daher häufig ignoriert. Unsere Übersicht zeigt jedoch, dass er für Salzburg von erheblicher Bedeutung war und dass seine Leistungen während seiner nur siebenjährigen Amtszeit denen seines Vorgängers oder Nachfolgers in nichts nachstehen.

Aufbahrung des Fürsterzbischofs Marcus Sitticus IV. von Hohenems
Künstler: Unbekannt    Quelle: Palast Hohenems



Kommentare

  1. Tack Emil för intresse, tid och grundläggande forskning som Du lagt ner beträffande Dina historiska förfäder. För egen del har jag ju som Du vet rätt begränsade kunskaper om mina egna förfäder som säkert var beskedliga och arbetsamma människor men som knappast blev "historiska" med ett fåtal undantag som exempelvis Erik Dahlberg som hjälpte Carl X Gustaf på 1600-talet att ta sig över osäkra isar i syfte att med sin här angripa danskarna i ryggen.

    Med bästa hälsningar från
    Isolde o HC

    AntwortenLöschen
  2. Lieber Emil.

    Seit jeher unfähig mir Geschichte zu merken, war ich immer glücklich
    etwas darüber zu erfahren. Dank und Bewunderung für den Emser
    Forscher! Jetzt weiß ich wenigstens was wir dem Hohenemser
    Fürst-Erzbishof Marcus Sitticus IV vor allem zu verdanken haben: die
    Rettung der heiligen ("saligen") Stadt Salzburg vor dem Religionskrieg!
    Dank an diesen Merk Sittich!

    Ich freu mich schon auf den nächsten Bericht!

    Friedl aus Graz

    AntwortenLöschen
  3. Toll lieber Emil,

    lese mit Begeisterung und es gibt für mich in deinem Text neue Aspekte für mich auch wenn ich viel davon schon kenne.
    Salzburg hat eine bewegte und nicht nur schöne Kirchengeschichte. Spannend ist es trotzdem!!!!

    Wünsche dir einen schönen Herbst.

    Alicja

    AntwortenLöschen
  4. Lieber Emil,
    Als Opern-Liebhaberin hat es mich besonders gefreut zu lesen, dass der Marcus Sitticus für die Festlichkeiten der Stadt Salzburg die Oper L‘Orfeo gewählt hat. Eine gute Wahl! Wir verdanken ihm noch vieles mehr, aber was er in so kurzer Zeit geleistet hat ist bewundernswert und soll nicht ignoriert werden.
    Viele Grüße
    Eva

    AntwortenLöschen
  5. Ich bewundere, lieber Emil, Deine Bereitschaft alte Dokumente zu finden und eine zeitgeistige Verbindung und Interpretation herzustellen. Marcus Sitticus ist für uns Österreicher und für mich Vorarlberger ein gutes Beispiel über herrschende mittelalterliche Kultur. Bei uns hat sie schliesslich über viele Diktaturen und eine Vielvölkermonarchie zu einem Ständestaat und heutigen demokratischen Kammerstaat geführt. Das Christentum hatte besonders zu Beginn durch das Nächstenliebegebot ein gigantisches Wachstum und mündete heute bei uns in einen moralisch hochstehenden christlichen Humanismus bzw, eine liberale Demokratie. Trotz allem heutigen Pessimismus finde ich die Entwicklung seit Marcus Sitticus grossartig!
    Danke nochmals durch Deine Arbeit dies wieder ins Bewusstsein zu rufen!
    Heinz

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

SCHULDENFALLE

ERLAUCHTER GLANZ

FORTES FORTUNA ADIUVAT