SCHULDENFALLE
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| Ein Gläubiger mit seiner Gemahlin Künstler: Massys (1514) Quelle: Louvre |
Es fällt mir schwer, diese Zeilen zu schreiben. Nach langem Zögern muss ich mich doch zusammenraufen und die Emser Geschichten abschließen. Bisher hat es sich immer wieder erwiesen, dass in Krisenzeiten besonders fähige Repräsentanten des Hauses hervorgetreten sind, die das Geschlecht vor de Schlimmsten bewahrten und ihm zu neuem Erfolg verhalfen. Doch mit dem Tod Kaspars von Hohenems (1574-1642), des Letzten der großen Emser, war es damit vorbei. Von nun an ging es mit den Emsern bergab, bis zur bitteren Schlussszene an der Wende zum 18. Jahrhundert. Das durchgehende Thema dieses Niederganges lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Schuldenfalle.
Als Schuldenfalle wird das Ende eines Verlaufs bezeichnet, der sich durch ständige Überkonsumtion auszeichnet. Mit anderen Worten: Wenn über einen längeren Zeitraum hinweg die Ausgaben die Einnahmen übersteigen, können die daraus entstehenden Schulden allmählich überhandnehmen. Die laufenden Einnahmen reichen dann nicht mehr aus, um die Zinsen zu decken, von der Finanzierung des Lebensunterhalts ganz zu schweigen. Wenn es so weit ist, gibt es kein Zurück mehr. Es wird unmöglich, neue Gläubiger zu finden, und der finanzielle Zusammenbruch ist Tatsache.
Trotz der enormen Herausforderungen des Dreißigjährigen Krieges gelang es Reichsgraf Kaspar von Hohenems, seine Herrschaften einigermaßen intakt zu halten (Desengaño), sodass das von ihm geschaffene Fideikommiss zum Zeitpunkt seines Todes im Jahr 1642 noch fast schuldenfrei war und eine ansehnliche Vermögensmasse von mehr als 400.000 Gulden aufwies. Doch vier Jahre später, als sein ältester und einzig überlebender Sohn ebenfalls früh verstarb, erbten dessen zwei Söhne einen Schuldenberg, der schier unüberwindbar schien. Wie konnte es in nur vier Jahren zur Verarmung der Reichsgrafschaft kommen?
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| Hannibal II. von Hohenems mit seiner zweiten Gemahlin Künstler: Unbekannt (1620) Quelle: Porträtgaleri Polick |
Die Antwort findet sich in der Persönlichkeit von Kaspars unseligem Sohn Jakob Hannibal II. (1595-1646). Dieser Ausleger der Emser Gene besaß keine der herausragenden Talente seiner Vorfahren. Weder die Tatkraft eines Kriegsherren, noch das Wissensbegehren eines Kirchenvaters, noch die finanzielle Begabung eines Kirchenkrösus oder die Verwaltungskunst eines großen Landesherrn. Was er besaß, war Geltungsdrang. Er wollte seinen Stand in der Gesellschaft durch adeligen Prunk und Gehabe vorzeigen und als Hochadliger auftreten, obwohl ihm die Voraussetzungen dazu fehlten. Ein Zeitgenosse sagte über ihn, dass „diser Graff seinem Anherren in Keinem ding als in dem Namen gleich gewesen” (Ramsberg [1655]).
Schon als junger Mann prunkte er lieber wie ein Pfau, denn als tüchtiger Hofmarschall zu wirken, als sein Onkel ihn an seinen Hof in Salzburg berief. In diesen Jahren zeichnete er sich vor allem durch sein Auftreten bei den großen Karnevalsveranstaltungen des Erzbischofs aus (Ars longa, vita brevis). So führte er beispielsweise im Jahr 1618 die große Parade verkleidet als Alexander der Große an – und das in einem eigens zum Anlass angefertigten Kürass aus vergoldetem Stahl! Kein Wunder, dass er 1619 mit einer Schuldenlast von 7.000 Gulden aus Salzburg nach Hohenems zurückkehren musste.
Im Jahr darauf überließ ihm sein Vater die Vogtei der Grafschaft Feldkirch, die er 1614 als vererbbar erworben hatte (Desengaño). Da er wusste, dass sein Sohn kein Gespür fürs Wirtschaften hatte, erstellte er ein Budget, das ihm ein standesgemäßes Vivre mit dem Einkommen aus seiner Vogtei ermöglichen sollte. Unter anderem sah es vor, 20 Personen mit allem Drum und Dran zu beschäftigen, samt fünf Reit- und vier Kutschpferde. Der sorglose Sohn hatte bereits vier Jahre später mehr als vierzig Mitarbeiter und musste das laufende Haushaltsdefizit somit mit Schulden decken!
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| Vogteiverwaltung in der Feldkirchner Schattenburg Quelle: Schattenburgmuseum, Feldkirch |
Jakob Hannibal hatte den Drang, es seinem Feldherrn von Großvater gleich zu tun. Schon im Jahr 1620 bekam er durch Vermittlung des Erzherzogs Leopold von Tirol von den Regenten in Brüssel den Auftrag, ein Regiment von 2000 Mann für den Einsatz in den Niederlanden aufzustellen. Einen Großteil der Initialkosten sollte er doch selbst vorschießen. Zu diesem Zweck nahm er Kredit im Ausmaß von 8000 Gulden auf.
Im Sommer 1620 zog der junge „Feldherr” mit seinem neurekrutierten Haufen los gen Brüssel. Doch war er bald des Soldatentreibens überdrüssig und nahm im Oktober kurzerhand „Urlaub” vom Kriegsdienst, überließ den Haufen seinem Schicksal und zog heimwärts. Weihnachten und Karneval wurden üppig im Kreise seiner Freunde gefeiert und er nahm auch an einem Grafentag in Ravensburg teil. Als er endlich im April 1621 wieder in Brüssel auftauchte, musste er feststellen, dass sich ein Teil seines Regimentes verlaufen hatte und der Rest in anderen Regimentern aufgesogen worden war. Alle Schadenersatzklagen an die Regentin, Herzogin Isabella, waren erfolglos. Sein Vorschuss war für immer verwirkt. Damit erhöhten sich seine Schulden damals schon auf die stolze Summe von fast 20.000 Gulden, was in etwa dem totalen Jahresertrag von sämtlichen väterlichen Gütern gleichkam!
Doch damit war nicht Schluss mit Jakobs kriegerischen Abenteuern. Elf Jahre später war der Dreissigjährige Krieg wieder voll im Gange, und die Schweden fielen schon in Schwaben ein. Jakob Hannibal gelüstete es wieder nach Kriegerehre. Anfang des Jahres 1632 warb er für den spanischen König Philipp IV. 3000 Mann für ein neues Regiment. Nachdem die Schweden schon Isny und Kempten im Allgau erobert hatten, gelang es dem „Feldherrn”, sie mit seinem Haufen, verstärkt durch den Vorarlberger Landsturm, am Weitnauertal im Allgäu (im Nordosten von Bregenz) zu stellen und zurückzuwerfen. Zufrieden mit diesem Erfolg zog er sich mit seinem Regiment nach Weienried, unweit von Bregenz, zurück, wo er sich weiteren Kriegshandlungen enthielt.
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| Der „Feldherr” im vollen Ornat Die Kaiserlichen erobern Kempten zurück Quelle: Arsenal Wien Quelle: Seite aus Württemberg [1985], Stadt Kempten |
Der leichtsinnige Jakob rechnete nicht damit, dass die Schweden es wagen würden, nochmals vorzupreschen. Er hatte sich ja so bequem in Weienried eingenistet! Sogar seine Frau durfte ihn besuchen kommen. Am Morgen des 9. Juni, als er gerade genüsslich mit seiner Frau sein Frühstück im komfortablen „Feldherrenzelt” einnahm, wurde sein Lager von schwedischer Reiterei überrumpelt, die Truppe niedergemetzelt und er selbst mit Frau gefangengenommen. Fast ein Jahr musste er in Ulm dieses Ungemach dulden, bis er durch Gefangenaustausch und gegen Lösen wieder freikam. Das war das Ende seines Kriegerdaseins!
Obwohl Jakob ein verweichlichter und dem Luxus zuneigender Lebemann war, fand der Tiroler Landesherr, Erzherzog Leopold V. (1586-1632), Gefallen an ihm, seinem Feldkirchner Vogt. Leopold nährte den Ehrgeiz, regierender Fürst von Tirol und den Vorlanden zu werden und damit eine eigene Habsburger Linie zu gründen – was ihm auch gelang. So war er ständig an prunkenden Hochadeligen interessiert, die seinen Hof mit ihrer Anwesenheit „verschönen” konnten. Jakob Hannibal war nur allzu gerne bereit, diese Rolle, besonders bei hochgesellschaftlichen Anlässen, zu spielen, was seine Schuldenlast ständig ansteigen ließ.
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| Erzherzog Leopold V. mit Gemahlin Claudia von Medici Künstler: Polack (1630) Künstler: Susterman (1620 Quelle: Schloss Ambras Quelle: Frascione, Florenz |
Schon 1626 lud Leopold ihn nach Innsbruck, um als Ehrenkavalier bei seiner Hochzeitsfeier mit Claudia von Medici (1604-48) mitzuwirken. Anscheinend glänzte er bei dieser Aufgabe, wie es sich ziemt, und wurde zum Hofmarschall ernannt. Im darauffolgenden Jahr durfte er das Ehepaar bei ihrer Besichtigungstour im Elsaß begleiten. 1630 war er auch bei dem Brautzug von Maria Anna von Spanien (1606-46) dabei, der von Triest nach Wien zum Bräutigam Ferdinand III. (1608-57) von Statten ging. Davon gibt es sogar einen ausführlichen Reisebericht von seiner Feder.
Auch sein Debakel bei Weienried zwei Jahre später sowie einige missglückte diplomatische Missionen brachten keinen Abbruch in seiner Rolle am Innsbrucker Hof. Jakob Hannibal hatte nämlich doch eine Begabung: Er schaffte es immer wieder, seine Misserfolge mündlich oder auch schriftlich wegzuerklären. Zum Beispiel berichtete er aus der Gefangenschaft in Ulm an Leopold, dass ihn ein starkes schwedisches Heer angefallen hätte, welches ihm trotz harten Widerstands übermächtig geworden wäre. In der Realität waren es nur um die 30 Reiter, die sein unbewachtes Lager am Morgen überrumpelt hatten.
Leopold starb bereits im Jahr 1632, woraufhin seine Gemahlin Claudia die Regentschaft für ihren minderjährigen Sohn übernahm. Diese tatkräftige „Athene” ernannte Jakob Hannibal zum Mitglied ihres Regierungsrates. Der neue Geheimerat war in diesem Gremium wohl eher eine Staffage als ein Machtspieler. Auch für Claudia war er jedoch ein willkommener Begleiter bei gesellschaftlichen Anlässen. Im Jahr 1637 durfte er die Erzherzogin zur Hochzeit der Kaisertochter Cäcilia Renate mit König Ladislaus IV. nach Wien und Warschau begleiten.
So vergingen die Jahre und der Schuldenberg wuchs immerfort. Allmählich waren alle persönlichen Vermögenswerte des Reichsgrafen schon versetzt, doch er konnte immer noch weitere Darlehen aufnehmen. War er nicht der designierte Erbe großer, von Schulden noch fast unbelasteter reichsgräflicher Herrschaften? Nach dem Tod seines Vaters wurden dann die Mehrschulden auf die Herrschaften übertragen, wobei Jakob Hannibal wohlweislich verschwieg, dass diese ja nicht versetzt werden durften. So konnte der Reichsgraf bis zu seinem Tod im Jahr 1646 ungehindert weiter verschwenden. Doch dann kam die Rechnung!
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Seine zwei Söhne, Karl Friedrich (1622-75) und Franz Wilhelm I. (1627-62) waren noch jung und dumm, sodass sie das Erbe ohne vorherige Inventierung und ohne Vorbehalt annahmen. Doch bald standen die Gläubiger vor der Tür. Noch dazu ließ es sich der Feldherr Wrangel 1647 nicht nehmen, die Brüder um den Rest ihres mobilen Vermögens zu bringen (Desengaño). Jetzt war guter Rat teuer!
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| Die Schuldenfalle schlägt zu! – Schlussfolgerungen der Kommission im Jahr 1652 |
Zum Glück hatte der ältere Sohn zumindest teilweise die administrative Begabung seines Großvaters geerbt; er war auch ein guter Federführer und hatte ein Gefühl für Rechtssachen. So raffte er sich auf, bei der Reichskanzlei um „Restitutio in integrum ad beneficium inventarii” anzusuchen. Das Fideikommiss müsse unbelastet bleiben und ein Schuldenausgleichsverfahren eingeleitet werden, das den Erben ermöglichen würde, ihre Herrschaften weiter zu besitzen und zu führen.
Kaiser Ferdinand III. (1608-1657) berief eine Kommission ein, die sich entsprechend dafür einsetzte. Die Grafschaft Gallarate im Herzogtum Mailand musste verkauft und die erbliche Feldkirchner Vogtei abgetreten werden. Mit den Erlösen daraus mussten sich die Gläubiger zufriedengeben. Dies betraf allerdings nicht die ausländischen Gläubiger, hauptsächlich aus Graubünden, die das Fideikommiss nicht garantiert hatten und weiterhin auf volle Zurückzahlung ihrer Darlehen bestanden. So waren die Emser Herrschaften zwar nicht schuldenfrei, aber doch so weit saniert, dass sie den Erben erhalten bleiben konnten.
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| Allegorische Selbstverherrlichung des Reichsgrafen Karl Friedrich von Hohenems Quelle: Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig |
Im Jahr 1654 fassten die beiden Brüder jedoch einen Beschluss, der das Schicksal der Hohenemser ein für alle Mal besiegeln würde. Entgegen den Regeln des Fideikommisses, die den ältesten Bruder als Alleinerben vorsahen, entschieden sie sich, die Herrschaften aufzuteilen. Karl Friedrich behielt Hohenems und Lustenau, während Franz Wilhelm I. Vaduz und Schellenberg übernahm. Damit mussten zwei standesgemäße Reichsgrafenresidenzen finanziert werden, was jedoch weder die nördliche noch die südliche Herrschaft mit ihren jeweiligen Erträgen leisten konnte. Es hätte gerade noch eine Residenz mit den laufenden Einkünften unterhalten werden können! So begann der Schuldenberg wieder zu wachsen.
Im Norden versuchte Karl Friedrich ständig, seine Einkünfte zu vermehren. Als Ersatz für die verlorene Vogtei Feldkirch (und Neuburg) erhielt er von den Habsburgern die Vogtei Nellenburg. Diese war allerdings klein und lag westlich des Bodensees, also weit von Hohenems entfernt. Außerdem handelte er mit den Tiroler Habsburgern einen Öffnungsvertrag für die Festung Hohenems aus, der aber auch nur bescheidene jährliche Tantiemen einbrachte.
Karl Friedrich versuchte dennoch, seinen Besitz weiter auszubauen. So schlug er bereits im Jahr 1655 dem Erzherzog Ferdinand Karl von Tirol (1628-1662) den Kauf des Gerichts Dornbirn vor. Die Emser besaßen seit jeher etwa ein Drittel des Territoriums und hätten damit ihre Herrschaft günstig abrunden können. Ferdinand Karl, der ein großer Verschwender war und bald Gastgeber der gerade abgetretenen Königin Christina von Schweden (1626-89) werden sollte, willigte gerne ein, und der Kauf wurde abgeschlossen. Doch da setzten sich die Dornbirner Stände zur Wehr. Sie weigerten sich, dem neuen Landesherrn zu huldigen, und schenkten dem Erzherzog 8.000 Gulden, sodass er den Kauf rückgängig machen konnte. Das war vielleicht zum Besten, da diese Transaktion die finanzielle Situation des Reichsgrafen keineswegs erleichtert hätte.
Während Karl Friedrichs Schulden immerfort wuchsen, geschah das Gleiche in der südlichen Bruderherrschaft. Franz Wilhelm I., der sich durch den Ausbau seiner Vaduzer Residenz stark verschuldet hatte, starb bereits im Jahr 1662. Die Herrschaft wurde danach von seiner Gemahlin Eleonora Katharina (geb. von Fürstenberg; 1630-1670) weitergeführt, da der Kaiser sie und ihren Schwager zu den Vormündern des ältesten Sohnes ernannt hatte. Als Frau aus hochadligem, landgräflichem Geschlecht hatte sie natürlich keinerlei Interesse daran, ihren Haushalt durch die spärlichen Einkünfte ihrer Herrschaften zu begrenzen.
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| Die Vaduzer Linie – Franz Wilhelm I. und Eleonora Katharina von Fürstenberg Quelle: Porträtgalerie Policka |
Solange Karl Friedrich noch am Leben war – Eleonora war bereits 1670 gestorben –, konnte der Schein von zwei großartigen Reichsgrafenresidenzen noch aufrechterhalten werden. Doch mit dessen Ableben im Jahr 1675 war es aus mit dem hochständigen Dasein der Emser. Die Schuldenfalle schlug mit voller Wucht auf die Erben der beiden Linien ein und brachte sie ins Verderben. Das Ende kam für den Hohenemser schnöde, für den Vaduzer erbarmungslos.
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In Hohenems durfte Karl Friedrichs ältester Sohn, Franz Karl von Hohenems (1650-1713) die Herrschaft im Jahr 1675 allein erben. Sein jüngerer Bruder, Anton Josef (1652-1674) hatte eine kirchliche Karriere als Domherr in Konstanz begonnen. Jung wie er war, sah Franz Karl noch nicht ein, wie elendig seine finanzielle Lage war. Gleich nach Amtsantritt ließ er zwei Konterfeis anfertigen, die ihn als neugebackenen und energischen Reichsgraf vorstellen sollten. Doch bald holte ihn die Wahrheit ein. Von Gläubigern bedrängt, versuchte er immer wieder, sich neue Einkunftsquellen zu schaffen: alles vergebens. Nicht einmal die kleine Vogtei Nellenburg wurde ihm übergeben und die Subsidien zur Offenhaltung der Festung wurden von den Habsburgern eingestellt. Auch auf einen Hofdienst in Innsbruck konnte er nicht mehr hoffen.
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| Ein „standesgemäßer” Reichsgraf stellt sich vor Künstler: Zehender (1676) Quelle: Porträtgalerie Policka |
Selbst die Aussicht auf eine standesgemäße Vermählung verblieb eine Schimäre. Während sein Vater noch eine Prinzessin zum Altar geführt hatte – Cornelia di Altemps (-1691), seine Cousine dritten Grades aus Italien –, musste sich der Sohn mit einer Gemahlin zur Linken begnügen, der Tochter seines Stallmeisters des Namens Franziska Schmiedlin von Lebenfeld (-1728) – möglicherweise war es eine Liebesehe.
Nach fünf Jahren erfolgloser Misswirtschaft wurde er 1679 von seinem Vaduzer Vettern Jakob Hannibal III. beim Kaiser wegen Misswirtschaft des (gemeinsamen) Fideikommisses verklagt. Kaiser Leopold I. (1640-1705), der sich über den Zustand der Festung Hohenems Sorgen machte, setzte erneut, wie schon im Jahr 1649, eine Untersuchungskommission ein. Doch diesmal fiel das Ergebnis anders aus. Im Jahr 1687 beschloss Franz Karl kurzerhand, vor seinen Gläubigern und den kaiserlichen Beamten zu fliehen und sich ins Ausland zu begeben. Die Herrschaft überließ er ihrem Schicksal.
Der verantwortungslose Reichsgraf verlegte seine „Residenz” nach Heerbrugg bei den Eidgenossen, einem kleinen gräflichen Besitz jenseits des Rheins, der gerade gegenüber dem Emser Reichshof Lustenau lag. Dort konnte er weder von seinen Gläubigern noch von den Reichsbeamten belangt werden. Die Herrschaft wurde herrenlos. So blieb dem Kaiser nichts anderes übrig, als die Reichsgrafschaft unter Reichsvormundschaft zu stellen. Ein wahrhaft schändliches Ende einer einst stolzen Grafenlinie!
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In Vaduz hinterließ der im Jahr 1662 verstorbene Regent Franz Wilhelm I. drei unmündige Söhne und zwei Töchter, die sämtliche mit den spärlichen Einkünften der Herrschaft versorgt werden sollten. Das lief unter der Vormundschaft der Mutter und des Onkels einigermaßen, auch wenn es mit steigenden Schulden verbunden war. Die drei Söhne wurden in die Lateinschule in Feldkirch geschickt, wo sie eine standesgemäße Grundausbildung erhielten. Der älteste Sohn Ferdinand Karl (1650-86) hatte jedoch schon früh geistige Probleme und musste den Schulgang mehrmals unterbrechen. Doch schaffte er den Schulabschluss gerade noch und immatrikulierte im Jahr 1669 zusammen mit seinem Bruder Jakob Hannibal III. (1653-1730) an der Universität Salzburg. Dort vergeudete er seine Studienjahre mit Pokulieren und Kartenspielen, während sein Bruder eher dem Studium geneigt war.
Ferdinand Karls Onkel behielt die Vormundschaft über ihn bis zu seinem Tod im Jahr 1675, wohl ahnend, dass aus dem Jungen als Regent in Vaduz nichts werden würde. Erst mit 25 Jahren konnte der Neffe die Regierung aufnehmen. Damit nahm die widerwärtigste Episode in der langen Geschichte des Hauses Ems ihren Lauf. Der junge Reichsgraf zeigte sich sofort als gewalttätiger Despot. Er stellte sich über die traditionellen Rechte und Privilegien seiner Untertanen, trieb die Misswirtschaft seiner Herrschaft bis zum Gehtnichtmehr, ließ die Residenz verfallen und vernachlässigte vollständig die Verwaltung seiner endlos wachsenden Schulden.
Noch heutzutage grassieren zahlreiche Geschichten über den skandalösen Reichsgrafen im Vaduzer Ländle. Schwer dem Alkohol verfallen, verbrachte er oft mehrere Tage hindurch mit Zechereien in den Wirtshäusern des benachbarten Feldkirch. War sein Kredit dort aufgebraucht, kehrte er in seine Herrschaft zurück und machte unter seinen Untertanen Radau. An Sonntagen konnte er voll betrunken in der Kirche auftauchen, aus dem Taufbecken trinken, sich am ewigen Licht die Pfeife anzünden, an die Wand pinkeln und den Pfarrer mit Ohrfeigen in die Sakristei verjagen. Anschließend stellte er sich dem Herrgott am Altar, leugnete ihn öffentlich und bekannte sich zu Luzifer als seinem neuen Schutzpatron!
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| Burg und Siedlung Vaduz im 17. Jahrhundert aus Inhelder & Lukas (1994), Die Burgen ... Unterrätiens |
Seine Geschwister vernachlässigte er vollständig. Sie bekamen keinen Batzen zu ihrem Unterhalt von ihm – die Schwestern auch kein Brautgeld – und alle mussten sie in der Vaduzer Burg, so gut es ging, ihr Dasein fristen. Seine Gemahlin, Maria Jakobäa von Waldburg-Wolfegg (-1893), floh vor dem Übeltäter nach Bludenz und suchte dort Schutz in einem Kloster. Diese Umstände zwangen Jakob Hannibal und Franz Wilhelm im Jahr 1679, eine Schrift an Kaiser Leopold zu verfassen, um ihren älteren Bruder sowie den Schwager in Hohenems wegen Misswirtschaft ihrer Herrschaften (und damit des Fideikommisses) zu verklagen und eine Reichsexekution gegen sie zu erbitten. Nicht nur die Verwandten richteten sich an den Kaiser. Auch die Untertanen sahen sich gezwungen, sich über die Gewaltherrschaft des Grafen zu beklagen. So wurde der Reichshofrat mit Klageschriften geradezu überflutet!
Zunächst zögerten die kaiserlichen Beamten, einzugreifen. Doch dann brachte ein besonderes Ereignis das Fass zum Überlaufen. Es ging dabei um zahlreiche Hexenprozesse, die in den Jahren 1678-1680 in Vaduz und Schellenberg stattfanden. Solche Verfahren waren am Alpenrhein an und für sich nichts Neues. Besonders in den Jahren unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg verbreiteten sie sich wie eine Seuche im ganzen Gebiet: Hunderte und aberhunderte arme Seelen wurden verurteilt und verbrannt. Doch wurden diese unmenschlichen Schandtaten allmählich von den Landesherren unterdrückt und liefen ab den 1660er Jahren gänzlich aus.
Mit dem Regierungsantritt des schwachen und willkürlichen jungen Reichsgrafen von Vaduz kam der Aberglaube in den verarmten und verwahrlosten Herrschaften Vaduz und Schellenberg jedoch wieder zum Vorschein. Dies fachte erneut Hexenprozesse an, die in den späten Siebzigerjahren ihren Höhepunkt erreichten. Fast 50 Untertanen wurden verurteilt und verbrannt. Ferdinand Franz hatte nichts dagegen einzuwenden und ließ die Verfahren ihren Lauf nehmen. Schon deswegen, weil er sich das Vermögen der Verurteilten zusammen mit den Landständen zuschanzen und solche Einkünfte als Pfand für neue Darlehen versetzen konnte.
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| Fürsprecher... ... und Exekutor Herzog Karl V. von Lothringen Rupert von Bodman, Fürstabt von Kempten Quelle: Österreichische Nationalbibliothek Quelle: Historisches Lexikon des F.L. |
Allmählich regte sich doch Widerstand gegen die Prozesse. Einige Angeklagte flohen nach Feldkirch und beklagten sich dort über das willkürliche Rechtsverfahren in Vaduz/Schellenberg. Auch der Priester von Triesen schloss sich den Klägern an. Die Verwaltung in Innsbruck wurde benachrichtigt und war sofort alarmiert. Eine neue Hexenverfolgungswelle war ausgebrochen, die das gesamte habsburgische Vorarlberg verseuchen könnte! In Folge leitete Herzog Karl V. von Lothringen (1643-90), der damalige Statthalter von Tirol und den Vorlanden, die Anklagen an den Reichshofrat weiter mit der Anmahnung, diese Widerlichkeiten im Keim zu ersticken.
Dieser erwachte aus seinem Schlummer und befahl im Sommer 1681 dem Reichsgrafen, die laufenden Gerichtsverfahren und Güterkonfiskationen einzustellen. Außerdem berief der Kaiser eine Untersuchungskommission ein, unter der Leitung von Rupert von Bodman (1646-1728), Fürstabt von Kempten, die sämtliche Gerichtsverfahren revidieren sollte. Die Kommission gab der Universität Salzburg den Auftrag, die Verfahren zu überprüfen. Von dort kam ein Jahr später eine klare Botschaft: Alle Prozesse waren gesetzeswidrig und sollten annulliert werden. Anfang 1684 war es schließlich so weit: Die kaiserliche Verwaltung erklärte alle Verfahren für ungültig, befahl die Rückerstattung der konfiszierten Güter und entzog dem Reichsgrafen die Hohe Gerichtsbarkeit.
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| Hexenverfahren: Folterung Prozessakte Gutachten der U. Salzburg |
Und jetzt waren die kaiserlichen Wachhunde den Emsern auf der Spur! Noch im Jahr 1683 – während die Türken Wien belagerten – kam der kaiserliche Auftrag an die Kommission, auch die Klagen der Grafenbrüder von 1679 näher zu untersuchen, und das in beiden Grafschaften. Die Reaktion des Grafen von Hohenems darauf haben wir oben schon behandelt. Die beginnenden Recherchen diesbezüglich in Vaduz/Schellenberg ermunterten wiederum die dortigen Landstände, sich zusammenzureißen, rechtliche Beihilfe zu suchen und eine sehr gründliche Klageschrift über die Misswirtschaft des Grafen, seine Willkür und seine ausschweifende sowie gewalttätige Persönlichkeit – in zwölf Punkten! – zu verfassen und sie im Januar 1684 eiligst dem Reichshofrat zuzustellen. Dieser reagierte diesmal ohne Zögern. Noch im selben Frühjahr fiel der Beschluss, den Reichsgrafen vollständig zu entmachten und festzunehmen. Danach musste er bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1686 in der Reichsabtei Kempten sein Dasein unter Überwachung fristen. Vaduz durfte er nie wieder betreten.
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Damit sind wir am absoluten Tiefpunkt des Hauses Ems gelandet. Der Absturz seit dem Ableben des letzten großen Emsers war dramatisch: Von Macht und Herrlichkeit zum Abgrund – mit den beiden Reichsgrafen in Landesflucht und Kerker – in nur 40 Jahren! Lassen wir jetzt die Feder lieber ruhen. Es bleibt uns nur noch, die Scherben zusammenzuklauben und zu schauen, was sich damit noch machen lässt. Aber das überlassen wir lieber einem kommenden Blogabschnitt!














Lieber Emil,
AntwortenLöschenWas für ein Schluss des stolzen Hauses Ems! Wie immer so spannend und dramatisch durch deine Feder geschildert! Mit großem Interesse habe ich daran teilgenommen und warte eifrig darauf, wie die Scherben zusammengeklebt werden!
Viele Grüße von Eva