MAGISTER MILITUM

Künstler: Erhard Schön     Inschrift: Hans Sachs
Quelle: Herzog Anton Ulrich Museum, Braunschweig

Wir sehen hier einen Obersten Feldhauptmann von Landsknechtsregimentern, der damals meist als Obrist bezeichnet wurde. Er war das Rückgrat des Söldnerwesens in der Renaissance. Seine Aufgabe war es, Landsknechte zu rekrutieren, sie zu organisieren und in die Schlacht zu führen. Am besten lassen wir uns das von Hans Sachs, dem „Meistersinger“, in klingenden Reimen erklären.

Ich byn Oberster Feldthauptmann
Die Landßknecht ich byn nemen an
Eynem Herren hie ungemelt
Die muster ich und gyb ihn gelt
Fuer sie darnach mit harnisch wehr
In das feldt zu der feynde heer

Guet anschleg ich dan machen tue
Und sprich den knechten tröstlich zue
Sie sollen hewt das beste thon
Ich will zue jn in eyn Ordnung stehen
Darumb so hab ich Monat solds
Eyn Monat lang hundert stueck golds.

In den Renaissancekriegen wurde die kaiserliche Söldnerinfanterie, die Landsknechte, zur Perfektion gefeilt. Wir sprechen hier nicht von kleinen Scharen, die zügellos durchs Land zogen. Vielmehr handelte es sich um wohlorganisierte Regimenter von 4.000 bis 12.000 Mann, die gut ausgebildet und geführt wurden. Ein Obrist, der in der Lage war, solche Truppenmassen zusammenzustellen, auszurüsten, zu organisieren und vor allem in die Schlacht zu führen, war sehr gefragt und hoch angesehen/belohnt. Dazu kommt, dass die Obristen ihre Landsknechte in der Schlacht persönlich leiteten, im Gegensatz zu den Generälen der Neuzeit. Nur wenige von ihnen schafften es, länger als ein paar aktive Jahre im Feld zu überleben. Die Durchhalter, die eine längere Reihe von Feldzügen überstanden, waren die wahren „Kriegshelden“. Ihnen war es vergönnt, große Vermögen anzuhäufen und mit kaiserlicher Gunst in den Hochadel aufzusteigen.

Ein großes Landsknechtsregiment auf Heerzug
Bild aus Fronsberger [1573], Kriegsbuch, Ander Theil      Künstler: Jost Amman

Als einer der langlebigsten und einflussreichsten Landsknechtsobristen der Frührenaissance sticht ein Emser hervor. Er hieß Merk Sittich I. von Ems (ca. 1466–1533) und stammte aus dem Hohenemser Zweig der Familie. Im Gegensatz zu seinem Dornbürner Vetter zweiten Grades Jakob II. (Quem Dei diligunt) erreichte er ein relativ hohes Alter von über 60 Jahren. Sein Ruhm basierte nicht auf einem jugendlichen Heldentod, sondern auf seinem außerordentlichen Überlebensvermögen als Heerführer über einen Zeitraum von mehr als dreißig Jahren.

Sein Schicksal war nicht vorherbestimmt. Er hätte die Rolle eines "Landjunkers" spielen können, der sich wie sein Vater um die Familiengüter kümmert. Das war aber nicht sein Weg. Seine Physiognomie und die turbulente Zeit, in der er lebte, diktierten ihm einen anderen Lebenslauf.

Bild aus Schrenck von Notzing [1601], Augustissimorum Imperatorum ...
Künstler: Battista Fontana       Quelle: British Museum

Merk Sittich war ein Hüne; einen Kopf größer als seine Vorarlberger Zeitgenossen. Sein Character war aggressiv und dominant. Gewalttätig und gleichzeitig brutaleffizient war er, wenn er seine Truppen zum Angriff führte; aber auch gefasst und kühl berechnend bei Rückzügen und Niederlagen. Genau diese Eigenschaften waren von den Landesherren begehrt, wenn sie für ihre endlosen Konflikte fähige Feldherren suchten. Seine Söldner fürchteten und respektierten ihn und, was noch wichtiger war, sie folgten ihm gerne; unter seiner Führung war die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie nach dem Feldzug in die Heimat zurückkehren würden – und das noch mit reicher Beute und dem Sold bezahlt.

Seite aus Mair [1540], Opus amplissimus de arte athletica
Künstler: Breu d. J.      Quelle: Bayerische Staatsbibliothek

Über seine Jugendjahre ist wenig bekannt. Wir können jedoch davon ausgehen, dass seine Ausbildung stark auf die Waffen- und Kriegskunst ausgerichtet war; weniger, wenn überhaupt, auf klassische Fächer. Dies im Gegensatz zu seinem Waffengefährten Georg von Frundsberg, der es verstand, seine Worte gut zu legen, sowohl in Reden als auch in Schreiben an seine Auftragsgeber; das verschaffte ihm Vorrang in den Annalen der Renaissance. Merks Begabung lag nicht in Worten. Er ließ seine Taten sprechen, und seine Taten sprachen Bände!

In den Annalen taucht Merk Sittich erstmals 1499 zum Schwabenkrieg auf (War er deren Kaiser?). Als Kommandant des Landsturms in seiner Heimatregion gelang es ihm, einen Angriff der Eidgenossen zurückzuschlagen, nachdem er deren Anführer im Zweikampf getötet hatte. Damit rettete er die nähere Heimat vor Verheerung und Plünderung. Etwa zur gleichen Zeit erlitt das Hauptheer in den beiden Schlachten von Hard und Frastanz, die nur wenige Meilen nördlich bzw. südlich von Hohenems abliefen, vernichtende Niederlagen, was dort großes Elend mit sich brachte.

Die Schlachten bei Hard und Frastanz im Jahr 1499
Ausschnitt aus Schilling d. J. [1513], Die Eidgenössische Chronik
Quelle: Zentralbibliothek Luzern

Kein Wunder, dass Maximilian auf ihn aufmerksam wurde. Bald wurde er in den Dienst des Königs gestellt und mit der Rekrutierung, Formierung und Ausbildung der Landsknechte am Alpenrhein betraut. Die Voraussetzungen dafür waren günstig. Seit der Großen Pestpandemie waren bereits anderthalb Jahrhunderte vergangen und die Bevölkerung hatte sich seither stark vermehrt. Gleichzeitig hatte sich das Klima verschlechtert, sodass die Ernten von Jahrzehnt zu Jahrzehnt spärlicher wurden und die Bevölkerung in Vorarlberg zusehends verarmte.

Verarmte Bauern und Bürger ergriffen die Gelegenheit, sich aus dem Elend zu befreien – auch wenn dies riskant war und oft tödlich endete, und nur wenige glückliche Überlebende reich belohnt wurden. Ein Landsknechtsregiment nach dem anderen wurde aus dem Boden gestampft, sodass Vorarlberg bald als „Landsknechtsländle“ bekannt wurde. Auch Angehörige des niederen Adels und eher wohlhabende Bürger schlossen sich an und besetzten die unteren Ränge der Befehlshierarchie. Die nicht weit von Hohenems entfernte Stadt Feldkirch erhielt als Hauptrekrutierungszentrum damals den Beinamen „Offiziersstädtchen“.

Merk Sittich bewies sich auch schon bald als ein führender Befehlshaber im Krieg. In den folgenden dreißig Jahren verging kaum eine Saison, in der er nicht in Feldzügen eingesetzt wurde. Er kämpfte ausdauernd und weiträumig: Die Kriegsschauplätze reichten von Apulien im Süden bis Flandern im Norden, von der Champagne im Westen bis Ungarn im Osten. Es würde den Rahmen dieses Blogs sprengen, alle seine Feldzüge aufzuzählen. Wir begnügen uns daher, einige wenige Eskapaden näher zu berühren.

Der Verrat von Novara im Jahr 1500
Seite aus Schilling d. J. [1513], Die Eidgenössische Chronik
Quelle: Zentralbibliothek Luzern

Merk war einer der ersten Obristen, die in den Großen Italienischen Kriegen ins Feld zogen. Bereits im Jahr 1500 wurde er mit einem kleinen Kontingent Landsknechte in die Lombardei geschickt, um Ludovico Sforza (Il Moro), Herzog von Mailand und Schwiegeronkel Maximilians, in dessen Konflikt mit dem französischen König Ludwig XII. beizustehen. Ludovico wurde jedoch im Mai bei Novara gefangen genommen, nachdem seine Schweizer Söldner ihn verraten hatten. Merk Sittich musste sein Schicksal teilen und verlor die Kriegskasse sowie all seine privaten Habseligkeiten an den Feind.

Nur ein Jahr später war er bereits zu einem bedeutenden Kommandanten aufgestiegen. Damals baten Ferdinand von Aragón und Friedrich von Neapel König Maximilian um Hilfe, um das von den Franzosen übernommene Königreich Neapel zurückzuerobern. Maximilian gab Merk Sittich und Prinz Rudolf von Anhalt den Auftrag, jeweils ein Landsknechtsregiment aufzustellen. Zusammen segelten die beiden Obristen nach Apulien, um die spanische Armee unter der Führung von „El Gran Capitan" (Gonzalo Fernández de Córdoba) zu verstärken, die den Franzosen zahlenmäßig weit unterlegen war. Nach zwei Jahren vorsichtiger Manöver kam es zur Schlacht von Cerignola (1503), in der die französische Armee dezimiert wurde, der französische Vizekönig den Tod, und die französische Herrschaft in Süditalien ihr Ende fand.

El Gran Capitan und Herzog von Nemour; Schlacht von Cerignola im Jahr 1503
Künstler: de Madrazo y Kuntz (1835       Quelle: Museo de Prado, Madrid

Nach weiteren fünf Jahren von ständigen Feldzügen befand sich Merk Sittich im Jahr 1508 erneut in Italien, diesmal im Norden, in der Nähe des heutigen Cortina d'Ampezzo. Mit einer kleinen Truppe von 1.700 Landsknechten unterstützte er dort den Kommandanten Sixten von Trautson bei der Besetzung der östlichen Dolomitentäler an der Grenze zu Veneto. Anfang des Jahres hatte König Maximilian geplant, die venezianischen Gebiete auf dem Weg nach Rom zu durchqueren, um sich vom Papst zum Kaiser krönen zu lassen. Da die Venezianer jedoch den Absichten des Königs nicht trauten, hatten sie ihm kategorisch die Einreise in ihr Gebiet verweigert. Als „Bestrafung" hatte Maximilian einen Privatkrieg gegen Venedig eröffnet, der zunächst erfolgreich war.

Doch wie so viele von Maximilians Feldzügen verlief sich auch dieser wegen fehlender Mittel und mangelnder Planung im Sande. Venedig stellte ein großes Heer auf und sein Befehlshaber, der Condottiere Bartolomeo d'Alviano, begann, die kaiserlichen Truppen zurückzuschlagen. Die Hauptschlacht fand im Cadober-Tal (Valle di Cadore) statt, wo sich Trautson und Merk Sittich verschanzt hatten. Die Venezianer waren mit über 10.000 Mann zahlenmäßig stark überlegen; dennoch blies Trautson gegen den entschiedenen Rat von Merk Sittich zum Angriff. Der größte Teil der Landsknechte wurde in einem raffinierten Hinterhalt brutal niedergemetzelt und Trautson selbst fiel in der Schlacht. Merk Sittich wurde hingegen gefangen genommen, konnte aber nach einem bald darauffolgenden Waffenstillstand wieder in die Heimat zurückkehren.

Das bildschöne Cadober-Tal ...                   ... Ort eines brutalen Gemetzels
                Quelle: Visitaly                                       Gravierer: Fontana (nach Titian)
                                                                               Quelle: British Museum

Diese traumatische Erfahrung trug dazu bei, dass Merk Sittich zu einem vollwertigen Heerführer reifte. Seine Lehr- und Wanderjahre waren vorbei, ab jetzt war er ein Meister der Kriegsführung. Nie wieder würde er sich in Gefangenschaft nehmen lassen. Nie wieder würde er sich durch einen leichtsinnigen oder inkompetenten Feldherrn in eine sichere Niederlage führen lassen. Nie wieder würde er versuchen, einen Feldzug trotz knapper Mittel und Vorräte am Leben zu erhalten. Vor allem aber würde er sich nie dazu bereit erklären, mit eigenen Mitteln Landsknechtshaufen aufzustellen, wie es Georg von Frundsberg zu dessen Leidwesen getan hatte (Drei Helden zu Pavia). Ansehnlicher Reichtum und hohes Ansehen sollten der Lohn dafür werden, dass er sein Schicksal selbst in die Hände nahm .

Schnell vorwärts bis 1525, das sowohl ein Jahr des Ruhmes als auch der Schmach für Merk Sittich war. Zu Beginn des Jahres trug er entscheidend zum Sieg in der berühmten Schlacht bei Pavia bei; darauf sind wir in einem anderen Blogabschnitt (Drei Helden zu Pavia) schon detailliert eingegangen. 

Die Schlacht bei Pavia (1525)    König Franz I. wird gerade gefangengenommen
Künstler: van Orley       Quelle: Museum di Capodimonte, Napoli

Doch während auf den Schlachtfeldern Italiens der Zweikampf zwischen den Herrscherhäusern Habsburg und Valois tobte, wurden die deutschen Lande von einem inneren Sturm gerüttelt. Ein großer Volksaufstand kündigte sich an, verursacht durch Bevölkerungszuwachs und gleichzeitig verschlechterte Wirtschaftsbedingungen. Adel und Klerus versuchten, ihrer Verarmung durch immer höhere Abgaben entgegenzuwirken, was die Landbevölkerung und Bürger noch zusätzlich belastete. Der Unmut und Widerstand der niederen Gesellschaftsschichten wuchs ständig und wurde durch religiöse Reformatoren wie Thomas Müntzer und Martin Luther zusätzlich geschürt.

Eine Erklärung der Menschenrechte ... von Luther befürwortet ... doch bald brutal verdammt

Anfang 1525 organisierten sich große Gruppen von Bauern und Bürgern in Schwaben noch friedlich und formulierten Forderungen nach Reform in „Zwölf Artikeln“, die dem Schwäbischen Bund vorgelegt wurden. Der Inhalt war egalitär, gleich einer ersten Erklärung der Menschenrechte in Europa und ging den Herren daher viel zu weit: Diese versuchten, die Forderungen durch scheinbares Verständnis und langwierige Diskussionen zu entschärfen. Vergeblich; die Aufständischen bewaffneten sich schließlich und zogen in den Krieg. Bald stand fast ganz Süd- und Mitteldeutschland in Flammen. Der Große Bauernkrieg (1525) war ausgebrochen!

Die Weinsberger Bluttat: Graf von Helfenstein muß Spießruten laufen
Künstler: Neuhaus (1879)       Quelle: Kunstpalatz Düsseldorf

Erzherzog Ferdinand I. beeilte sich, seine Truppen von anderen Kriegsschauplätzen zurückzubeordern. Frundsberg und Merk Sittich folgten dem Ruf. Frundsberg schloss sich dem von Truchseß von Waldburg geleiteten Hauptheer gegen die Bauern an. Merk Sittich hingegen wurde zum Befehlshaber eines südlichen Heeres ernannt, das sich aus seinen eigenen Landsknechten, dem Landsturm in Vorarlberg und schwerer Kavallerie des Schwäbischen Bundes zusammensetzte. Seine Aufgabe war es, den Aufstand nördlich und nordöstlich des Bodensees schnell zu unterdrücken, um ein Übergreifen nach Süden auf den Alpenrhein zu verhindern.

Merk Sittich machte kurzen Prozess mit den aufständischen Bauern in Südschwaben. In zwei heftigen Schlachten wurde der größte Teil ihres Heeres besiegt. Am 4. Juli kam es bei Hilzingen im Hegau zu einer letzten Schlacht, die den Aufstand in der Region mit der bedingungslosen Kapitulation aller verbliebenen Bauernhaufen beendete. Hunderte Befehlshaber wurden gefoltert und hingerichtet, mehr als 24 Weiler niedergebrannt und alle überlebenden Aufrührer mit hohen Bußen belegt.

Eine Episode aus dieser harten Vollstreckung soll hier hervorgehoben werden: Vor der Schlacht hatte das Bauernheer noch schnell eine Glocke aus dem Glockenturm von Hilzingen herabgelassen – sie sollte zu einer Kanone gegossen werden. Merk Sittich nahm den Pummer in Verwahr und zwang 50 gefangene Bauernführer, ihn wie „Zugochsen" zum Bodensee zu schleppen. Dort wurde er mitsamt den „Zugtieren" auf ein Boot gesetzt und über den See verschifft. Von Bord aus wurden die Zieher dann kurzerhand an den Eichen entlang der Straße nach Bregenz aufgehängt. Die Glocke wurde nach Hohenems verschifft, wo sie noch heute die Kirche ziert. Seitdem heißen die Eichen an der Bregenzer Straße „Henkeichen“.

Die Hilzinger Kirche, dessen Glocke ...                    ... zu einer grausamen Schandtat führte
Künstler: Sebald Beham (1539)            Auszug aus von Rottweyl [1616], Emser Chronik
Quelle: Kupferstichkabinett, Berlin          Quelle: Vorarlberger Landesmuseum, Bregenz

Diese Schandtat machte Merk Sittich bei den Vorarlbergern nicht gerade beliebt. Sie trug ihm sogar den Beinamen „Der Bauernschlächter” ein. Gewalttaten waren am Alpenrhein zwar keine Seltenheit. Schließlich lebten die Vorarlberger an der Grenze zu den Eidgenossen und waren oft bewaffneten Überfällen von ihnen ausgesetzt, bei denen es zu Mord, Plünderung und Verwüstung kam. Zudem war schon mancher Landsknecht aus fremden Kriegen zurückgekehrt und hatte von seinen extremen Erlebnissen erzählt. Hätte Merk Sittich diese armen Bauern weit von der Heimat entfernt erhängt, hätte kaum einer seiner Nachbarn mit den Wimpern gezuckt. Doch der Anblick von fünfzig Leichen, die sich daheim langsam an den Eichenästen drehten und in der Sommersonne verrotteten, machte ihnen klar, dass sie von einem brutalen Kriegsherrn beherrscht wurden.

Auch seine Tätigkeit als Landesverwalter brachte Merk Sittich einen schlechten Nachruf ein. Bereits 1513 wurde er zum „Vogt" (Statthalter) der habsburgischen Herrschaft Bregenz und bald darauf auch Bludenz-Sonnenberg ernannt. Maximilian I. war selbst der Landesherr, aber doch immer abwesend. Dadurch war Merk Sittich als Statthalter der eigentliche Herrscher über diese Gebiete. Darüber hinaus ernannte der Kaiser ihn zum Befehlshaber aller habsburgischen Truppen in Vorarlberg, was seine Macht in dieser Region noch verstärkte.

Bregenz; Sitz des Statthalters Merk Sittich I. von Ems
Bild aus Zeller (1643), Topographia Sueviae     Künstler: Merian

Maximilian als Kaiser belohnte ihn für seine Kriegsdienste, indem er ihm die volle Verfügungs- und Gerichtsgewalt über das Hohenemser Reichslehen einräumte. Damit avancierte er faktisch zum „absoluten” Herrscher über seine Untertanen in seinem eigenen kleinen „Reich”. Die Stände der habsburgischen Herrschaften in Vorarlberg genossen dagegen beträchtliche Mitbestimmungsrechte, die sie sich beim Erwerb und nach den Appenzellerkriegen durchgesetzt hatten. Merk Sittich setzte sich als Statthalter jedoch rücksichtslos über diese Rechte hinweg und räumte sich dort die gleiche Herrschaftsgewalt ein, die er in Hohenems besaß.

Kein Wunder, dass die Stände reagierten. Zahlreiche Klagen gegen die Willkür von Merk Sittich wurden sowohl bei den Landgerichten als auch beim Kammergericht in Innsbruck eingereicht – allerdings ohne Erfolg. Die Gerichte waren sich der Macht Merk Sittichs wohl bewusst und entschieden in ihrer Weisheit, alle Beschwerden „ad acta“ zu legen. Erst nach dem Tod des Statthalters im Jahr 1533 wurden die Akten wieder aufgegriffen und belasteten seinen Sohn und Nachfolger Wolf Dietrich von Ems (1507–1538). Dieser genoss nicht die gleiche Rückendeckung durch den Kaiser und sah sich einer Vielzahl von Gerichtsverfahren gegenüber.

Doch all dies verringerte in keiner Weise die Gunst, die Merk Sittich bei den habsburgischen Herrschern genoss. Ein alternder Kaiser Maximilian lud ihn sogar als Ehrengast zu der berühmten Wiener Doppelhochzeit im Jahr 1516 ein, bei der Enkelkinder des Kaisers mit den beiden Kindern von Ladislaus II., König von Böhmen und Ungarn vermählt wurden. Und elf Jahre später konnte er als Obrist von 26 Fähnlein Erzherzog Ferdinand I. noch kräftig bei dessen Konflikt mit dem Gegenkönig Zapolya von Ungern unterstützen und ihm zur Stephanskrone verhelfen. Als Dank dafür war er natürlich auch Ehrengast bei Ferdinands Königskrönung in Stuhlweißenburg im November 1527.

Tu felix Austria nube! (Die Wiener Doppelhochzeit 1515)
Artist: Václav Brozík (1896)    Quelle: Kunsthistorisches Museum Belvedere, Wien

So erfolgreich Merk Sittich im Krieg auch war, so wohlhabend er dadurch wurde und so mächtig er als Herrscher von Vorarlberg auch wirkte, sein Name hatte durch seine Selbstherrlichkeit trotz allem einen schlechten Klang bekommen, was sich auf seine Nachkommen auswirkte. Als Merk Sittichs Enkelsohn, und auch noch sein Urenkel danach strebten, die Emser Herrschaften zu veredeln und die Familie in den Reichsfürstenstand zu erheben, sollten sich die Stände in Vorarlberg an den alten Gewaltherrscher erinnern und alles daransetzen, diese Ansprüche zu vereiteln.

-o-

Nach acht Blogbeiträgen neigt sich unser Aufenthalt in der Renaissance dem Ende zu. Es waren turbulente Zeiten voller Extreme: vom Glanz der Fürstenhöfe bis hin zur grausamen Gewalt der Schlachten. Es war die Zeit der Ritter, die sich zu Fürsten verpuppten, der Fürsten, die zu Königen wurden, und der Könige, die zu Kaisern aufstiegen. Königreiche wurden wie durch einen Würfelwurf geschaffen und zerstört, ein uraltes Reich wurde von ehemaligen Nomadenhorden vernichtet und sein Nachfolgereich schwer angeschlagen. Zwei Seemächte kämpften um die globale Vorherrschaft und nur der Papst konnte den Konflikt beenden, indem er die Welt unter den beiden aufteilte. Und ein anderer Nachfolger Petri stachelte die Großfürsten Europas zum Krieg an und nahm selbst daran teil – in der Wahnvorstellung, dass der italische Stiefel dadurch vereinigt und unter seine Herrschaft fallen könne.

Scharen von Bauern und Hirten strömten aus den Alpentälern hervor, um einem Fürsten im Westen den Garaus zu machen, einen König im Osten zu bezwingen und sich ein kleines Reich aus ihren Bergen und Tälern auszukerben. Auch im großen Reich erhoben sich die Bauern und Meinigen, angestachelt von Mönchen und Predigern, die ihren Zorn und Ehrgeiz mit religiösen Reformideen fütterten.

Aus dem vernichteten uralten Reich strömte eine Flut von Weisheit und Wissen nach Westen und verjüngte dort den abgestandenen und verdorrten Fundus von Überzeugungen und Glauben. Große Männer der Künste, der Literatur und der Wissenschaften traten nun in den Vordergrund und veränderten unser Verständnis des Universums für immer.

Galileo wird gerichtet
Künstler: Robert-Fleury (1847)       Quelle: Louvre, Paris

In diesen turbulenten Zeiten spielte sich auch das Schicksal des Hauses Ems ab. Zu unserem Bedauern ist in der Renaissance kein großer Wissenschaftler oder Künstler daraus hervorgetreten, wie einst Rudolf von Ems (Ars gratia artis). Stattdessen bewährten sich so manche Emser in der Kunst der Kriegsführung, und in diesem Bereich als wahre Unternehmer, im Sinne des heutigen Wirtschaftsdenkens.

Das Hauptbetätigungsfeld der Emser Kriegsunternehmer lag in der Zeit und auf den Schauplätzen der Großen Italienischen Kriege (1494-1559). Man ist fast versucht, diese Kriege als die Großen Emser Kriege zu bezeichnen, so stark und vielzähllig waren sie daran beteiligt – mit insgesamt acht Emsern als Landsknechtsobristen. Hinzu kommt eine beträchtliche Anzahl von illegitimen Emsern, die als Hauptleute oder einfache Landsknechte unter ihrem Kommando kämpften (z.B. Georg Emser, der mit Jakob II. in Ravenna fiel; Quem Dei diligunt). Diese erfolgreichen Krieger dienten einer beträchtlichen Anzahl von hohen Auftragsgebern: zwei Herzöge, sechs Könige, drei Kaiser und ein Papst. 

In diesem Zusammenhang möchte ich nochmals drei Generationen von Meistern der Kriegsführung besonders hervorheben: Merk Sittich I. von Ems zu Hohenems, seinen Sohn Wolf Dietrich und seinen Enkel Jakob Hannibal I. Sie lebten in einem Zeitalter gewaltiger Konflikte und ergriffen die sich ihnen bietenden Chancen mit beiden Händen. Sie waren, um es modern auszudrücken, wahre Unternehmer des Söldnerwesens. In einer anderen Zeit hätten sie mit ihrer herausragenden Begabung vielleicht zu Industriemagnaten wie Carnegie, Ford oder Rockefeller werden können – in der Neuzeit eher wie Bezos, Musk oder Branson. Und sie waren in der Tat Magnaten einer der bedeutendsten Industrien ihrer Zeit. Ihnen haben wir es zu verdanken, dass sich das Haus Ems von einer unbedeutenden Ritterschaft zu großem Reichtum und hohem Reichsadelstand hinaufschwang.

Drei Generationen von Emser Feldherren
Bilder aus Schrenck von Notzing [1735], Ambrassische Helden-Rust-Kammer
Künstler: Battista Fontana      Quelle: Österreichische Nationalbibliothek

War der Erfolg von Dauer? Oder haben sich am Ende die Naturgesetze durchgesetzt und die nachfolgenden Generationen zum Mittelmaß zurückgestuft? Oder ist es sogar noch schlimmer gekommen? Geduld, liebe Leser! Eure Neugier diesbezüglich wird in zukünftigen Abschnitten vollauf gestillt werden.

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