IM LAND DES WEIßEN GOLDES
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| Abstieg ins Salzbergwerk Künstler: Eduard Gurk (1833) Quelle: Albertina, Wien |
Es gab einmal ein reiches und einflussreiches Fürstentum im Alten Reich. Der Reichtum des Landes stammte vor allem aus den üppigen Bodenschätzen, hauptsächlich dem „Weißen Gold“. Dies war zwar kein Edelmetall, dafür aber ein unentbehrlicher Bestandteil der Nahrungskette der Menschen: Bergsalz!
Der Einfluss des Landes resultierte daraus, dass es gleichzeitig Verwaltungszentrum einer großen Kirchenprovinz war, die fast die Hälfte Südgermaniens umfasste. Geleitet wurde die Kirchenprovinz gemeinsam mit dem Fürstentum von einem Fürsterzbischof. Dieser war ein Wahlfürst auf Lebenszeit, der vom Domkapitel, dem obersten Verwaltungsorgan des Erzbistums, gewählt wurde. Seine Wahl musste jedoch von Papst und Kaiser bestätigt werden.
Dieses Fürstentum, Salzburg benannt, lag eingeklemmt zwischen zwei großen Herrscherdynastien des Reiches: den Wittelsbachern im Westen und den Habsburgern im Osten und Süden. Das Salz war nicht nur die Quelle seines Reichtums, sondern gab auch Anlass zu Neid und Habgier bei den Nachbarn, mit denen das Zusammenleben über die Jahrhunderte hinweg stets schwierig war.
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| Gesamtansicht der Residenzstadt Salzburg Künstler: Werner (ca. 1740) Quelle: Universitätsbibliothek Salzburg |
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts kam es zu einem bewaffneten Konflikt um das Salz zwischen Salzburg und dem Wittelsbacher Herzog von Bayern. In der Folge wurde das Fürstentum von den bayerischen Truppen besetzt und sein Herrscher, ein Emser Erzbischof, abgesetzt und eingekerkert. Als sein Nachfolger wurde wiederum ein Emser gewählt – ein Cousin des Vorgängers und keineswegs ein selbstverständlicher Kandidat! Dies war eine der aufwühlendsten Episoden in der Geschichte des Landes.
In diesem Blogbeitrag konzentrieren wir uns auf die dramatischen Umstände der Wahl von Marcus Sitticus IV. von Hohenems (1574–1619) zum neuen Erzbischof im Jahr 1612, sowie auf dessen Lebenslauf. Um seine Bedeutung im Reich und in der Kirche zu erfassen, ist es hilfreich, zunächst das Erzbistum und Fürstentum Salzburg näher vorzustellen.
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Alles begann mit Karl dem Großen (748-814) und Papst Leo III., und die Ursprungsgeschichte spielt sich in den ehemaligen römischen Provinzen Rhaetia Secunda, Noricum und Pannonia ab. Diese Gebiete waren gegen Ende des 5. Jahrhunderts teilweise entvölkert worden, als die weströmischen Garnisonen abgezogen wurden und die Region sich selbst überlassen blieb. In den folgenden zwei Jahrhunderten waren neue Völker eingewandert: Germanen aus dem Nordosten und Westen, die Awaren aus dem Osten und slawische Stämme aus dem Südosten. Schließlich hatten germanische Herzöge der sogenannten Bajuwaren das östliche Rhaetia Secunda und den größten Teil Noricums unter ihre Herrschaft gebracht.
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| Karl der Große wird von Papst Leo III. zum Kaiser gekrönt In Grandes Chroniques de France, vol. 1 Quelle: Bibliothèque nationale de France |
Nachdem Karl der Große zum König der Franken gekrönt worden war, konnte er das bayerische „Stammesherzogtum“ fest in sein Reich integrieren. Ab dem Jahr 791 führte er daraufhin erfolgreiche Eroberungskriege gegen die Awaren im Osten. Das Khanat dieses Reitervolkes in Pannonien erlosch und das Königreich der Franken wurde bis zum Plattensee nach Südosten hin vergrößert.
Um seine Herrschaft über die neu eroberten Gebiete zu festigen, betraute Karl der Große die bayerischen Herzöge mit der Kolonisierung und die bayerischen Bischöfe mit der Rekristianisierung dieser Regionen. Gleichzeitig schuf Papst Leo III. eine neue Kirchenprovinz, eine der ersten in Germanien und bei weitem die größte. Sie sollte alle von den Bayern beherrschten Gebiete umfassen, einschließlich der Neuerwerbungen im Osten.
Das Verwaltungszentrum der neu gegründeten Provinz wurde in Iuvavum (dem heutigen Salzburg) angesiedelt und der dort ansässige Bischof im Jahr 798 zum Erzbischof (Metropoliten) dieser „bayerischen” Kirchenprovinz ernannt. Sein Herrschaftsbereich war riesig. Er reichte vom Norden des heutigen Regensburg im Nordwesten bis zum Plattensee im Südosten und vom heutigen Südtirol im Südwesten bis zum heutigen Tschechien im Nordosten.
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| Kaiser Otto I. (der Große) aus Ekkehard von Aura (ca. 1120), Chronik Quelle: Parker Library, Cambridge |
Nach dem Einfall der Ungarn im Reich, der schließlich 955 von Kaiser Otto I. (912–973) in der Schlacht auf dem Lechfeld eingedämmt wurde, musste diese Provinz als Kirchenprovinz Salzburg innerhalb eines kleineren Gebiets neu konsolidiert werden. Sie gehörte jedoch weiterhin zu den größten in Germanien und umfasste Ostbayern, Österreich (mit Ausnahme von Vorarlberg und Burgenland) sowie Teile des heutigen Italiens und Sloweniens im Süden. Bis zum Untergang des Reiches mehr als tausend Jahre später verblieb sie dann im Wesentlichen unverändert.
Innerhalb dieser Provinz war der Erzbischof nicht nur das Oberhaupt mehrerer Suffraganbistümer, sondern auch das seiner eigenen Diözese, des Bistums Salzburg. Selbst dieses Bistum war zu groß, um von nur einem Bischof regiert zu werden. Deshalb hatte der Erzbischof von Salzburg durch eine besondere päpstliche Ausnahmeregelung das Recht, in seiner Diözese eigene „Tochterbistümer“ zu errichten und deren Bischöfe selbst zu ernennen und zu weihen. Schließlich wurden vier solche Bistümer gegründet: Chiemsee, Gurk, Lavant und Seckau.
Im späteren Mittelalter begannen die Erzbischöfe von Salzburg, innerhalb ihrer Diözese eigene Ländereien zu akkumulieren. Durch Schenkungen des Kaisers und von Adligen, durch Zukäufe und Eroberungen entstand ein beträchtlicher Landbesitz, der sich bereits um 1350 zu einem eigenen Fürstentum konsolidierte, dessen Oberhaupt der Erzbischof war. Dieses Fürstentum war “reichsunmittelbar", der Erzbischof war als Reichsfürst von Salzburg nur dem Kaiser unterstellt.
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| Die Hoheitsgebiete des Salzburger Fürsterzbischofs: Metropolitan seiner Kirchenprovinz; Bischof seiner Diözese; und Herre seines Fürstentums Die Fürstpropstei Berchtesgaden (B); ein Dorn in seinem Auge |
Der Fürsterzbischof genoss sowohl innerhalb des Reiches als auch innerhalb der Kirche großes Prestige und Einfluss. Er war einer von nur zwei Erzbischöfen in Germanien, die den Titel „Legatus Natus" (ständiger Vertreter des Heiligen Stuhls) trugen. Er war neben dem Papst der einzige Kirchenfürst, der Bischöfe weihen durfte. Als Primas Germaniae war er zudem Vorsitzender der Kirchenfürsten im Reichstag. Und er verfügte über ein beträchtliches Staatsbudget, das hauptsächlich aus dem Abbau von „Weißem Gold“ in seinen Salzminen bei Hallein gespeist wurde.
Die Erzbischöfe von Salzburg sahen sich selbst als die ranghöchsten geistlichen Würdenträger nach dem Papst. Es kam nur selten vor, dass sie sich um die Kardinalswürde bemühten. Diese war für sie nicht unbedingt begehrenswert, da sie ja wie die Kardinäle Purpur tragen durften. Begrüßte der Papst sie nicht bei ihren seltenen Besuchen in Rom scherzhaft mit den beflügelten Worten: „Ecce semi-papa; qui ipse episcopos constituere posset“ (Hier seht ihr den Halbpapst, der seine eigenen Bischöfe einsetzen kann)?
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Am 18. März 1612 war es endlich so weit: Das Salzburger Domkapitel konnte sich gemäß Papstbeschluss, mitgeteilt durch Nuntius Antonio Diaz, schließlich versammeln, um einen neuen Erzbischof zu wählen. Die Wahl fiel nicht leicht, und von Einstimmigkeit war keine Rede. Nur zwölf der sechzehn teilnehmenden Domherren legten ihre Stimme ab zugunsten von ... Marcus Sitticus IV. von Hohemens. Wie kam es, dass die Wahl auf diesen 38-Jährigen fiel, der keineswegs der einflussreichste Domherr des Kapitels war? Und noch dazu der Vetter des gerade abgetretenen und gefangengehaltenen Vorgängers?
Dazu müssen wir die unmittelbare Vorgeschichte kurz rekapitulieren. Wie auf der obigen Karte zu sehen ist, gab es damals eine gefürstete Propstei Berchtesgaden, die im Norwesten Salzburgs lag. Sie zwängte sich wie ein Fremdkörper in das Fürsterzbistum ein und war noch dazu ein Konkurrent in der Salzproduktion. Im Oktober 1611 hatte Erzbischof Wolf Dietrich von Raitenau (1559-1617) in seiner Selbstherrlichkeit diesen „Dorn im Auge" kurzerhand mit seinen Truppen okkupiert, zweifellos mit der Absicht, die Propstei in sein Land einzuverleiben. Der vorgegebene Anlass war, dass ein Darlehen an das Zwergfürstentum mit dessen Salzvorkommen als Pfand nicht beglichen worden sei.
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| Tilly erobert Salzburg Künstler: Zimmermann Quelle: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg |
Wolf Dietrich hatte jedoch missachtet, dass der Fürstpropst Ferdinand von Bayern (1577-1650) hieß und noch dazu der Bruder des bayerischen Herzogs Maximilian I. (1573-1651) war. Der mächtige und machtgierige Herzog nahm den Fehdehandschuh sofort auf und zog mit seinen Truppen, geleitet von Marschall von Tilly, in Salzburg ein. Wolf Dietrich wurde bei seiner Flucht gefangengenommen und von den Bayern nach Salzburg zurückgeführt. Das Domkapitel wurde daraufhin gezwungen, mit ihm über seinen Rücktritt zu verhandeln. Dies bat wiederum den Papst per Kurier, er solle gnädigst die Verantwortung für den Gefangenen übernehmen. Dem Wunsch wurde stattgegeben und der Entscheid wurde durch den eigens dafür nach Salzburg entsandten Nuntius Antonio Diaz vermittelt. Somit war Wolf Dietrich ab dem 23. Februar 1612 Gefangener unter der Obhut des Papstes.
Die Verhandlungen über den Rücktritt Wolf Dietrichs wurden jetzt unter der Leitung des Nuntius fortgesetzt. Sie erwiesen sich als mühselig und zäh, da der Erzbischof sich als alles andere als bereitwillig erwies. Schließlich kam es am 7. März doch zum Abschluss. Wolf Dietrich wurde aus der Haft auf der Festung Hohensalzburg in die Stiftskirche Nonnberg überführt. Dort erklärte er dem Nuntius formell seinen Rücktritt als Erzbischof unter der Bedingung, dass er eine angemessene Pension erhalten, dass das Vermögen seiner Geliebten und (10!) Kinder unangetastet bleiben und er freigelassen würde. Damit stand der Neuwahl seines Nachfolgers nichts mehr im Wege.
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| Der selbstherrliche Erzbischof, umgeben von seinen Kontrahenten Maximilian I. von Bayern Wolf Dietrich von Raitenau Nuntius Antonio Diaz |
Bei der Wahl standen sich im Domkapitel zwei gleichstarke Parteien gegenüber: die habsburgische und die wittelsbacherische. Die Herrscher beider Seiten waren jedoch gezwungen einzusehen, dass keiner von ihnen im Kapitel die Übermacht besaß. Es ging also darum, einen Kandidaten zu finden, den beide Parteien akzeptieren konnten, und der gleichzeitig bei Papst und Kaiser Anklang finden würde.
Dabei kam Merk Sittichs Hintergrund zum Tragen. Er war der einzige Salzburger Domherr, der Italienisch perfekt beherrschte. Dadurch hatte er als Dolmetscher und enger Vertrauter des Nuntius bei den Abtrittsverhandlungen agiert. In der römischen Kurie war er seit jeher bekannt. Bei einem längeren Italienaufenthalt im vorangegangenen Jahrzehnt hatte er bei Papst Clemens VIII. antechambriert, der ihm den Titel eines Päpstlichen Ehrenkämmerers verlieh. Später war er als Vertreter des Salzburger Erzbischofs in Rom tätig gewesen. Die Stimme des Papstes hatte er bei der Wahl in der Tasche, vorausgesetzt, dass die weltlichen Mächte nichts dagegen setzten.
Was Österreich betraf, war er weder ein Mitglied des Adels in den Erbländern, noch durch den Einfluss der Habsburger als Domherr eingesetzt worden. Seine Stellung hatte er seinem Vetter Wolf Dietrich zu verdanken. Doch dieser hatte keineswegs vor gehabt, ihn als Nachfolger zu protegieren. Er hatte Brüder und eigene Kinder, die es zu fördern galt. Somit war Merk Sittich nicht vom Schicksal seines Vorgängers befleckt. Was bei den Habsburgern für ihn sprach, waren die standhaften Dienste, die die Emser den Habsburgern schon seit Generationen als Räte und Generäle ihrer Truppen geleistet hatten. Wurden sie nicht als Dank dafür in den Reichgrafenstand erhoben? Er konnte einigermaßen sicher sein, dass die Habsburger sich seiner eventuellen Wahl nicht entgegensetzen würden, auch wenn sie ihn nicht aktiv befürworteten.
Für Merk Sittich ging es daher nur darum, sich mit dem Bayernherzog zu arrangieren, d.h., um die Gunst dieses Machtmenschen zu buhlen. Der Domherr versäumte keine Zeit: Er sandte sofort Depeschen nach München, in denen er seine demütige Achtung und Bereitschaft versicherte, alle Bedingungen, die Maximilian für den Abschluss der Fehde erpresst hatte, als künftiger Erzbischof bis auf den letzten Buchstaben zu erfüllen. Es ging darum, saftige Schadenersatzansprüche von über 200.000 Gulden zu tilgen, ein neues Salzabkommen – über Marktteilung und den bayerischen Transport des Salzes nach Norden entlang der Salzach – umzusetzen und, vor allem, der Liga der Katholischen Fürsten beizutreten. Mit dieser diplomatischen Initiative hatte er Erfolg: Der Herzog zeigte sich bereit, Merk Sittich als Kandidaten zu akzeptieren.
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| Der neugewählte Kompromisskandidat Künstler: unbekannt Quelle: „Ortsgeschichte Leogang.at" |
So erklärt sich die Wahl Marcus Sitticus IV. aus den außerordentlichen Umständen der Wahl sowie aus seinem Hintergrund und diplomatischem Geschick. Er war so ziemlich der einzige für alle Parteien akzeptable Kompromisskandidat und wurde – wenn auch ohne große Begeisterung, weil er „nit gestudirt sey" – zum Erzbischof ernannt. Damit steht einer näheren Beschreibung seines Lebenslaufs nichts mehr im Wege.
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Merk Sittich war der Sohn des berühmten Söldnerführers Jakob Hannibal I. (Fortes fortuna adiuvat) sowie der jüngere Bruder des späteren Landesherrn Kaspar (Der Landesherr). Er wurde 1574, ein Jahr nach Kaspar, in Hohenems geboren. Seine Mutter Hortensia starb schon vier Jahre später, und sein Vater starb, als er gerade 13 Jahre alt war. Als zweiter Sohn war er von Anfang an für die klerikale Laufbahn vorgesehen, auch wenn seine Ausbildung zunächst im Gleichschritt mit der seines Bruders erfolgte.
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| Jakob Hannibals drei Söhne; Merk Sittich in der Mitte Künstler: Anton Boys (1577) Quelle: Galerie Policka |
Der Bildungsweg der beiden Brüder begann mit einem zweijährigen Aufenthalt in Mailand von 1582 bis 1584 unter der Obhut ihres Onkels, Erzbischof Carlo Borromeo. Sie besuchten dort das Collegium dei Nobili. Nach dem Tod des Heiligen nahm sich Onkel Markus Sittich III. ihrer an, sodass sie die Grundausbildung im Collegium Germanicum in Rom abschließen sollten. Das Kolleg lag direkt gegenüber der Residenz des Kardinals; somit konnten die Brüder das Mittagessen bei ihrem Onkel genießen.
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| Collegium Germanicum in Rom. Links gegenüber Palazzo Altemps |
Nach Kaspars Studienabschluss im Jahr 1586 gingen die beiden Brüder getrennte Wege. Kaspar wurde nach Siena geschickt, um dort an der Universität Rechtswissenschaften zu studieren. Merk Sittich hingegen wurden zunächst die niederen Weihen verliehen. Er erhielt die Tonsur einrasiert und war fortan für eine Karriere in der Kirche prädestiniert. Kurz danach wurde er nach Hohenems zurückgeholt.
Die Ursache hierfür ist nicht bekannt. Vielleicht wollte der bereits kränkliche Vater noch einen Sohn in seiner Nähe haben – er starb schon im Jahr 1587. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Merk Sittichs Onkel und Förderer es vorzog, ihn in Germanien statt in Rom zu protegieren. Schließlich lag Hohenems in der Nähe von Konstanz, wo er selbst noch bis 1589 als Fürstbischof wirkte. Und sein Neffe Wolf Dietrich von Raitenau war damals bereits zum Dompropst, also zum Leiter des Domkapitels, befördert worden.
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| Dom zu Konstanz Künstler: Deroy (1840) Quelle: Galerie Helvetia |
Der schlaue Onkel wusste, was er tat. Bereits im Jahr 1587 wurde der Dompropst völlig überraschend zum Erzbischof von Salzburg gewählt. Dadurch wurde ein Platz im Domkapitel frei für den erst 13-jährigen Merk Sittich. Dieser erhielt sofort ein Kanonikat. Doch erst als Volljähriger würde er den Sitz eines Domherrn einnehmen können. Bis dahin war er nur Anwärter und Empfänger eines vergleichsweise bescheidenen Stipendiums für sein Universitätsstudium, das man von ihm erwartete.
Im Jahr darauf übergab Onkel Merk Sittich das Konstanzer Bistum an Andreas von Österreich (1558-1600), den morganatischen Sohn von Erzherzog Ferdinand II., gegen eine großzügige Pension (Himmlisches Gönnen). Von da an war Merk Sittich auf seinen Vetter Wolf Dietrich als Schirmherr angewiesen. Dieser schickte ihn an die Jesuitenuniversität in Ingolstadt, wo er zwei Jahre lang Latein und Humaniora studierte, ohne jedoch einen erfolgreichen Abschluss zu erreichen. Inzwischen hatte der Erzbischof im Jahr 1589 auch ein Kanonikat im Salzburger Bistumsstift für ihn besorgt, wodurch sich seine finanzielle Situation deutlich verbesserte.
Dann zog es ihn für zwei Jahre an die Universität von Bologna, um Jus zu studieren. Auch hier kam er nicht zu einem erfolgreichen Abschluss. Alle diese Studienjahre waren von Geldmangel geprägt – oder vielleicht eher von einem unbedachten Umgang mit den eigentlich ausreichenden Zuschüssen. Es sind Briefe überliefert, in denen er sich bei Wolf Dietrich um mehr Geld bemüht; jedoch ohne Erfolg. Man kann sich vorstellen, dass er sich in Bologna zunehmend beschämt, verzweifelt und melancholisch fühlte – ohne nennenswerte Studienergebnisse und bei Geldmangel.
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| Kolonnaden der Universität Bologna Künstler: Tomaselli-Cavazzoni Quelle: UB Bologna |
Da erinnerte er sich an die Spanienreise, die sein Vater mit Bruder Kaspar im Jahr 1584 unternommen hatte (Der Landesherr). Jakob Hannibal I. hatte ein Darlehen von über 200.000 Gulden von der spanischen Krone einzufordern, war damit aber nicht erfolgreich. „Warum nicht einen neuen Versuch machen?“, dachte sich der 19-jährige Student. Gesagt, getan. Er unternahm 1593 eine Reise nach Madrid, die leider auch erfolglos blieb. Schon deswegen, weil Merk Sittich keinerlei dokumentierte Unterlagen für das Darlehen vorweisen konnte.
Jetzt war guter Rat teuer: Wohin sollte er sich nun wenden? Er unternahm einen letzten Versuch, Unterstützung von seinem greisen Onkel, Kardinal Merk Sittich III., zu bekommen, und reiste nach Rom. Zum Glück traf er noch kurz vor dessen Ableben ein und konnte, wie wir vermuten, eine kleine Abfindung von seinem Namensonkel herauslocken. Dies ermöglichte ihm, sich in Rom niederzulassen und dort eine Karriere beim Vatikan zu versuchen.
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| Ein Jüngling stellt sich Kardinal Aldebrandini vor Künstler: Gatti (1620) Quelle: The Metropolitan |
In den folgenden fünf Jahren lebte er in Rom und versuchte, sich dem Nepoten des Papstes anzunähern, um durch dessen Einfluss in der Kirche befördert zu werden. Damals war es hauptsächlich Kardinal Pietro Aldebrandini (1571-1621). Leider war das Ergebnis seiner Bemühungen eher mager. Merk Sittich musste allmählich einsehen, dass die rasche Ernennung junger Adeliger zu hohen Kirchenposten den Nepoten des Papstes vorbehalten war und nicht unbedingt deren Protegés. Immerhin erhielt er als „Trostpreis" im Jahr 1600 von Papst Clemens VIII. (1536–1605) einen Ehrentitel als Päpstlicher Ehrenkammerherr.
Kurz danach gab es einen höchstpekuniären Anlass, Rom zu verlassen. Merk Sittich war inzwischen in Salzburg vom Kanoniker zum Domherrn avanciert, musste aber mindestens ein Residenzjahr in Salzburg verbringen, um als solcher bestätigt zu werden. Endlich ein großer Schritt voran in seiner kirchlichen Karriere! Dies führte zu einem Schnellumzug nach Salzburg mit Aufenthalt dort von 1601 bis 1602.
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| Kardinal Borghese Künstler: Leoni (um 1610) Quelle: Museo Fesch, Rom |
Im Jahr 1604 wurde Merk Sittich zum Dompropst (Leiter des Domkapitels) in Konstanz befördert. Ein Jahr später erhielt er zudem eine Stelle als Domherr in Augsburg. Diese Pfründen, und der Posten in Salzburg schenkten ihm endlich ein stattliches Einkommen, das seinen Ansprüchen mehr als gerecht wurde. Zu seinem Verdienst muss festgehalten werden, dass er nun begann, für seine Familie zu sorgen. Ein erster Schritt war, dass er auf seinen Erbanteil in Hohenems gegen eine angemessene, jedoch nicht übermäßige jährliche Abfertigung verzichtete. Außerdem erklärte er sich bereit, Kaspars Sohn Jakob Hannibal II. (1595-1646) zu protegieren. Dieser durfte zu ihm nach Konstanz ziehen und die dortige Kathederschule besuchen. Zudem erhielt er Hausunterricht vom Onkel in Italienisch. Leider erwies sich der junge Günstling als völlig unzureichender Schüler und musste bald nach Hohenems zurückgeschickt werden.
Sein größter Einsatz für die Familie war jedoch die Mitfinanzierung der Residenzanlage in Hohenems, deren Ausbau Bruder Kaspar im Jahr 1604 begann (Der Landesherr). Ein ansehnlicher Teil der Kosten dafür wurde von Merk Sittich getragen. Hinzu kam seine Initiative, den kleinen Flecken Ems in einen „fürstlichen“ Markt umzuwandeln. Er schlug Kaspar vor, nördlich des Hauptplatzes eine lange Straße anzulegen, um die Wirtschaft des Ortes zu fördern. Handwerkern und Kaufleuten wurden dort unentgeltlich Bauplätze zur Verfügung gestellt, damit sie sich als freie Bürger des Marktes niederlassen konnten. Dies wurde ausgeführt und brachte ein Aufblühen des Ortes. Folgerichtig wurde die Straße „Dompropsteigasse“ benannt.
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| Im Kreis der Familie in Hohenems Links Merk Sittich mit Neffe Jakob Hannibal. Rechts Kaspar mit Töchtern. Künstler: Unbekannt (1608) Quelle: Galerie Policka |
Hätte Erzbischof Wolf Dietrich im Herbst 1611 nicht den Bayernherzog herausgefordert, wäre Merk Sittichs Lebenslauf der eines behaglichen Dompropstes geblieben. Das scheint zumindest seine Erwartung gewesen zu sein. An eine Beförderung war nach der Ernennung zum Propst nicht mehr zu denken. Die Bischöfe in Augsburg und Konstanz waren vergleichsweise neu im Amt und nicht viel älter als er selbst. Sein Cousin in Salzburg war zwar schon über vierzig, machte aber keinerlei Anstalten, ihn als seinen Nachfolger zu fördern. Auch Pläne, vom Papst zum Kardinal ernannt zu werden, verliefen im Sande. So verbrachte er die nächsten acht Jahre in zufriedener Resignation, mit Aufenthalten in Konstanz, Wurmlingen, Salzburg und im Winter gerne in Gallarate, der Emser Grafschaft bei Mailand.
Doch Fortuna wollte es anders: Ende Oktober 1611 erreichte ihn in Konstanz die unerwartete Nachricht vom Einfall des Bayernherzogs mit seinem Heer und der Gefangennahme des Erzbischofs. Er reiste umgehend nach Salzburg und nahm ab November Teil an den Bemühungen des Domkapitels, den sieghaften Herzog zu besänftigen und die Lage einigermaßen in den Griff zu bekommen. Damit sind wir wieder bei den Vorgängen um die Erzbischofswahl angelangt, die wir bereits behandelt haben. Im nächsten Blogbeitrag werden wir uns dem Wirken und den Errungenschaften des neugewählten Erzbischofs Merk Sittichs IV. während seiner allzu kurzen siebenjährigen Regierungszeit von 1612 bis 1619 widmen.
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| Das Wappen des Fürsterzbischofs Marcus Sitticus IV. |
















Lieber Emil.
AntwortenLöschenDanke für diese besonders spannende und ausführliche Emser-Geschichte! Hier ein kleiner Kommentar:
Nur Fortuna oder doch auch Fügung für die besondere Stadt zwischen dem Nordende der Alpen und der Ebene?!
Beste Grüße aus Graz, derzeit mit erlösendem Regen,
Friedl
Lieber Emil,
AntwortenLöschenHerzlichen Dank für die spannende Geschickte sowohl über den Salz als auch über Merk Sittich und wie er schließlich mit vielleicht nicht ganz konventionellen Methoden zum Erzbischof gewählt wurde.
Liebe Grüße von Eva
Emils Blog fuehrt fuer mich deutlich vor Augen, dass die globale Gesellschaft trotz schrecklicher Gegenbeispiele vor allem auch infolge der weltweiten Transparenz humaner geworden ist
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