DE CLARIS MULIERIBUS

Porträt einer Adelsfamilie
Doppelseite aus Schilling [1485], Spiezer Chronik    Quellle: Burgerbibliothek Bern

Als ich mit diesem Blog über die Geschichte des Hauses Ems begann, konnte ich dessen stattlichen Umfang nicht vorhersehen. Mittlerweile umfasst er 23 Abschnitte und es werden weitere folgen! Hätte ich im Voraus gewusst, wie viel Arbeit mich erwarten würde, hätte ich dieses Projekt niemals begonnen! Doch nun liegt der Großteil des Werkes hinter mir. Wenn ich jetzt auf die vielfältigen Personenporträts darin zurückblicke, fällt mir auf, dass kein einziges dem Schicksal einer Person des schönen Geschlechts gewidmet ist!

Das sollte mich nicht erstaunen. Beim Verfassen von Chroniken über die ferne Vergangenheit ist man auf die oft spärlichen schriftlichen Quellen angewiesen, die über die Jahrhunderte hinweg überdauert haben. Nun ist unbestritten, dass diese Quellen eine erhebliche Voreingenommenheit aufweisen. Sie konzentrieren sich nicht nur auf die mächtigen und wohlhabenden Schichten der Gesellschaft, sondern auch auf die männliche Hälfte der beteiligten Personen. Da es mein Ziel ist, historische Personen und Ereignisse so weit wie möglich anhand noch bestehender Dokumente zu belegen, befasst sich der Blog zwangsläufig mit dem stärkeren Geschlecht. 

Kriemhild, Hagens Kopf in Hand, wird bald hingerichtet!
Seite aus Nibelungenlied [um 1440], Hundeshagenscher Codex
Quelle: Staatsbibliothek Berlin

Hinzu kommt meine eigene Voreingenommenheit. Da ich in einer zutiefst konservativen Gesellschaft geboren wurde, war es für mich als Kind selbstverständlich, dass Männer und Frauen in zwei getrennten Sphären lebten. Die Aufgabe der Männer bestand darin, sich durch große Taten in der Welt zu bewähren, während es Aufgabe der Frauen war, Haus und Herd in Ordnung zu halten und Kinder großzuziehen. Mit zunehmendem Alter hat sich meine Vorstellungswelt jedoch verändert, auch wenn einige meiner Freundinnen anderer Meinung sein mögen. Zudem habe ich bei der Recherche für den Blogbeitrag über das Nibelungenlied (Uns ist in alten maeren) eine starke Heldin wieder in Erinnerung gerufen, die in diesem Epos die Hauptrolle spielt. Ihr Name ist Kriemhild.

Als ich ihr tragisches Schicksal Revue passieren ließ – dass ihr Mann getötet und ihre Mitgift von ihren Brüdern enteignet wurde; dass sie sich gezwungen sah, Rache an ihnen zu nehmen, nur um hingerichtet zu werden, weil sie sich erlaubt hatte, sich wie ein Mann zu rächen –, wurde mir klar, dass ich es der Spinnseite schuldig war, das Leben mindestens einer Frau in diesem Blog zu schildern. Zumal mir diesbezüglich bereits größere Männer mit tieferer Einsicht vorausgegangen sind. Um nur Boccaccio mit seinem berühmten Werk „De mulieribus claris” (daher der Titel meines Beitrags) zu erwähnen.

Bild aus Bocaccio [um 1440], De mulieribus claris   Quelle: British Library 

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Lassen wir die Geschichte ihren Lauf nehmen. Sie handelt von einer adeligen Dame hohen Ranges, die 1550 in der reichen und kulturell bedeutenden Stadt Mailand geboren wurde. Sie hieß Hortensia Borromeo, Contessa di Arona (1550-1578), und ihre Familie war alles andere als unbedeutend. Die Borromeos erlangten im 15. Jahrhundert Reichtum und Ruhm. Sie begannen als einfache Händler, entwickelten sich jedoch schließlich zu Bankiers und Finanziers der herrschenden Dynastie in Mailand, der Herzogsfamilie der Visconti. Für ihre Dienste wurden sie 1445 in den Adelsstand erhoben. In den Unruhen nach dem Tod des letzten Visconti unterstützten sie den legitimen Nachfolger Francesco Sforza (1401-1466), der 1450 den Thron bestieg und sie für ihre Hilfe ausgiebig belohnte. Vermögen, wie sie waren, erwarben sie danach eine Vielzahl ergiebiger Besitztümer rund um den Lago Maggiore in Norditalien.

Eines der Eigentümer der Borromeos
Palazzo Borromeo auf Isola Bella, Lago Maggiore
Quelle: Wikipedia

Hortensia war das zweitjüngste von insgesamt sechs (überlebenden) Kindern. Ihr Vater war Gilberto Borromeo (1511-1558), der Alderman der Dynastie. Ihre Mutter, Taddea dal Verme, war Gilbertos zweite Frau. Sie heirateten 1548, doch Taddea starb leider bereits 1550, gleich nach der Geburt von Hortensia. Gilberto verschied wenige Jahre später, als Hortensia gerade einmal acht Jahre alt war. Es kann für sie nicht leicht gewesen sein, ihre Eltern so früh zu verlieren und von ihrer Stiefmutter, Gilbertos dritter Frau, Aurelia Vistarini, die Gilberto 1553 geheiratet hatte, aufgezogen zu werden.

An Vaters Stelle entwickelte Hortensia eine starke Bindung zu ihrem älteren Bruder Carlo Borromeo (1538-1584), der ein ruhiger, frommer und freundlicher Jüngling war. Diese Bindung sollte Hortensia später im Leben großen Trost spenden. Wir können uns vorstellen, wie sie wohlbehütet im Familienpalast in Mailand aufwuchs, von Privatlehrern unterrichtet wurde und im Innenhof spielte. Töchter aus Adelsfamilien galten damals als wertvoller Schatz, den es zu schützen und zu bewahren galt, da sie zur Förderung von Allianzen zwischen Adelshäusern bestimmt waren.

Hortensias geborgene Kinderzeit
Innenhof des Palazzo Borromeo in Mailand   Photograph: Dall'Orto

Wie die meisten Mädchen aus dem Adel im Italien der Renaissance erhielt sie eine Grundausbildung in Lesen und Schreiben sowie im Führen eines Adelshaushalts. Ob Fächer wie Latein, Rhetorik oder andere humanistische Fächer Teil ihres Lehrplans waren, ist jedoch zweifelhaft. Während Hortensia so ihre frühe Jugend in der ruhigen und abgeschiedenen Atmosphäre des Palastes Borromeo verbrachte und sich darauf vorbereitete, eine komfortable Ehe mit einem standesgemäßen Adligen aus Mailand einzugehen, drehte sich das Rad des Schicksals mehrmals und beeinflusste damit jeweils schlagartig ihren Lebensweg.

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Die erste Wende kam im Januar 1560, als ihr Onkel stiefmütterlicherseits, Giovanni Angelo di Medici (1499-1565), völlig unerwartet zum obersten Vertreter Gottes auf Erden mit dem Namen Pius IV. ausersehen wurde. Dies katapultierte seine Verwandten sofort in den höchsten Adelstand Roms. Seine beiden italienischen Neffen, Carlo und Federico Borromeo, gut ausgebildete Edelmänner, wurden schnell mit päpstlichen Gnaden überschüttet. Federico wurde zum Generalgouverneur der päpstlichen Truppen ernannt und mit der Tochter des Herzogs von Urbino verheiratet. Carlo, ein junger Gelehrter mit religiöser Neigung, wurde zum Kardinal und Verwalter des Kirchenstaats ernannt. Die zehnjährige Hortensia konnte sich nun darauf vorbereiten, in den höchsten römischen Adel einzuheiraten.

Pius IV. 
           Quelle: Vatikan             
Doch damit nicht genug: Pius, der zuvor als päpstlicher Legat im Schmalkaldischen Krieg (1546-1547) fungiert hatte, war ein Freund der Habsburger. Er beeilte sich, den Kaisertitel Ferdinands I. anzuerkennen, den sein Vorgänger ihm verweigert hatte. Der Kaiser war erfreut und verlor keine Zeit, sich beim Vatikan für dessen Gesinnungswechsel zu bedanken. Er beschloss, einer kleinen Familie am Alpenrhein, der Emser Ritterschaft, den Rang eines Reichsgrafen zu verleihen – wohl wissend, dass die Emser mit dem Bruder des Papstes verschwägert waren (Himmlisches Gönnen).

Insbesondere die beiden bewährten Landsknechtsführer Jakob Hannibal I. und Merk Sittich III. von Ems wurden nun zu Reichsgrafen des Heiligen Römischen Reiches ernannt. Hinter dieser Erhebung steckte ein Hintergedanke: Ferdinand wusste, dass neu gewählte Päpste in der Regel Verwandte, vor allem junge Neffen, für wichtige Aufgaben am Hof in Rom einsetzten. Denn nur Familienangehörigen konnte man die Wahrung der Interessen ihres Oberhauptes anvertrauen. Diese beiden deutschen Neffen würden wohl auch ihren Platz im Vatikan finden.

Pius IV. war von diesem nicht gerade subtilen Hinweis überrumpelt. Die beiden neuen Reichsgrafen, die im Alter von 30 bzw. 27 Jahren bereits kriegserfahrene Haudegen waren, verfügten weder über den vornehmen Hintergrund noch über die solide Ausbildung ihrer italienischen Cousins. Der Jüngere von ihnen, Merk Sittich (1533-1595), war jedoch „bauernschlau” und hatte kein Problem damit, die Seiten zu wechseln. Er berief sich rasch auf ein Zeichen des Himmels, das ihm den Weg zur Kirche gewiesen habe. Die Belohnung folgte auf dem Fuße: Er wurde zum Bischof befördert und zum Finanzberater Seiner Heiligkeit ernannt.

Demgegenüber fiel es dem Papst schwer, eine geeignete Stelle für Jakob Hannibal (1530-1587) zu finden. Schließlich ernannte er ihn zum Botschafter am spanischen Königshof. Das kam Jakob sehr gelegen, aber der Papst war mit seinem Dienst nicht gerade zufrieden, da der Gesandte an diplomatischem Geschick mangelte. Doch bald wendete sich das Blatt zum Besseren. König Philipp II. von Spanien (1527-98) betraute den Krieger damit, ein Landsknechtsregiment aufzustellen, um ihn bei einem Feldzug in Nordafrika zu unterstützen. Dies erwies sich als großer Erfolg: Mit Jakobs Schützenhilfe konnten die Spanier eine wichtige Festung an der marokkanischen Küste erobern und so die Piratenüberfälle des Sultans im westlichen Mittelmeer eindämmen.

Die Eroberung von Peñón de Vélez de la Gomera im Jahr 1564
Künstler: Van der Heyden   Quelle: Royal Collection Trust

In der Zwischenzeit war Merk Sittich zur Kardinalswürde und zum Fürstbischof von Konstanz aufgestiegen. Er sorgte dafür, dass er sich mit seinem Hauptkonkurrenten um die Gunst des Papstes, dem würdigen Carlo Borromeo, gut stellte. Die nun befreundeten Nepoten machten sich daran, für den siegreichen Krieger eine geeignete Position im Vatikan zu finden. Und nun wendete sich das Glücksrad erneut für die junge Hortensia.

Als Carlos’ Bruder Frederico im Jahr 1562 plötzlich starb, wurde die Position des Oberbefehlshabers der päpstlichen Truppen frei – eine Position, die Jakob wie auf den Leib geschnitten war. Gleichzeitig hatten Carlo und Merk Sittich die brillante Idee, ihre beiden Häuser durch eine Heirat zu verbinden. Sie beeilten sich, dem Papst beides als Gesamtpaket vorzulegen, und Pius IV. war von diesem Vorschlag äußerst angetan. Eine passende Braut war auch schon zur Stelle: Hortensia Borromeo! Natürlich fragte niemand das 14-jährige Mädchen, ob sie einer Heirat mit einem 35-jährigen Kriegsherren und „Tedesco” zustimmen würde.

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Bald darauf begannen die Vorbereitungen für eine glanzvolle Hochzeit. Kein Wunder, denn Seine Heiligkeit selbst sollte das Paar trauen! Die anschließenden Festlichkeiten waren fabelhaft. Als Hauptveranstaltung wurde auf dem Vatikan-Gelände ein gigantisches Turnier mit zwölf Kavallerie-Schwadronen organisiert, eines davon unter der persönlichen Führung des Bräutigams. Fast 50.000 Zuschauer kamen, um die Kampfszenen zu bewundern. Jakobs Hauptgegner war der Marchese de Pescara, der Großkanzler des Königreichs Neapel. Da es das erste und jemals einzige Turnier auf dem Gelände des Vatikans war, ging es als „La mostra della giostra” (Das Riesenturnier) in die Annalen ein.

La mostra de la giostra aus Hortensias Sicht
Künstler: Noppis (1610)   Quelle: Porträtgalerie Hohenems, Policka

Wie hat Hortensia all diese glorreichen Feierlichkeiten überstanden? Als schüchternes und zurückhaltendes Mädchen, das aus dem „goldenen Käfig“ des Mailänder Palasts ins Zentrum der Aufmerksamkeit in der Hauptstadt des Christentums katapultiert wurde, muss sie sich völlig überwältigt, ja sogar bedrängt gefühlt haben. Zeitgenössische Quellen loben sie für ihr „anmutiges und bescheidenes Auftreten“ – eine höfliche Art, diese Reaktion zu beschreiben. Doch Ende gut, alles gut! Ihr neuer Ehemann behandelte sie überraschend zärtlich, wenn man bedenkt, dass er ein rauer Krieger war. Bald begann sie, ihn zu dulden und sogar zu mögen. Es blieb ihr ja auch nichts anderes übrig. Schließlich entwickelte sich zwischen den beiden jedoch eine starke Bindung, die ihr ganzes Leben lang bestehen sollte. Sie gebar ihm sieben Kinder, von denen fünf das Erwachsenenalter erreichten.

Doch wir wollen der Geschichte nicht vorgreifen. Zurück ins Jahr 1565! Es begann mit der Hochzeit im Januar, und für die junge Braut vergingen die folgenden Monate wie eine einzige, große Flitterwoche. Der Papst hegte große Pläne für das Paar. Er gewährte Jakob nicht nur eine fürstliche Mitgift von 100.000 Florinen, sondern wollte ihm auch Ländereien verschaffen, die ihn zum Herzog erhoben hätten. Hortensia durfte sich nun auf ein prächtiges Leben als Prinzessin freuen und wurde von ihren Verwandten, Freunden und Bekannten bereits als solche behandelt, wenn sie als Gast in den erhabenen Palästen der Hauptstadt des Christentums weilte.

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Das Rad des Schicksals
Künstler: Beham (1641)
  Quelle: Rijksmus. Amsterdam  
Leider drehte sich das Rad des Schicksals erneut. Zum Entsetzen der Nepoten starb Pius IV. im Dezember desselben Jahres völlig unerwartet. Damit verloren die Emser ihre Unterstützung im Kirchenstaat. Merk Sittich, der Vorsichtigere der beiden, „entschuldigte” sich mit dringenden Geschäften in seinem Fürstbistum Konstanz sowie mit der Notwendigkeit, am Reichstag in Augsburg teilzunehmen. Jakob Hannibal hingegen blieb an seinem Posten und vertraute auf sein Glück. Der Papst hatte es vor seinem Tod gerade noch geschafft, die Hälfte der 100.000 Floriner auszuzahlen. Den Rest konnte Jakob vergessen! Auch das den Brüdern zustehende Erbe – mehrere Ländereien im Herzogtum Mailand – wurde ihnen von den örtlichen Behörden unterschlagen und stattdessen den direkten Nachkommen der Medici-Familie übertragen.

Der Nachfolgerpapst Paul V. erkannte jedoch Jakob Hannibals militärische Verdienste an und bestätigte ihn Anfang 1566 erneut als Oberbefehlshaber der päpstlichen Truppen. Damit war Jakobs Position in Rom gesichert, doch die Aussicht, Herzog zu werden, war zerschlagen. Die Familie verlor ihren hohen Adelsstatus, und das Gehalt des Ehemanns reichte bei Weitem nicht aus, um einen fürstlichen Haushalt zu unterhalten. Infolgedessen begann Jakob, eine Rückkehr in seinen Besitz jenseits der Alpen in Betracht zu ziehen.

Ein unerwartetes Angebot des Königs von Spanien kurz darauf veranlasste Jakob Hannibal, sich um eine ehrenvolle Entlassung aus seinem Amt zu bemühen. Philipp II. war auch König von Neapel und damit Herrscher über Süditalien. Diese Gebiete waren von den Osmanen erheblich bedroht. Süleyman der Prächtige hatte kürzlich eine demütigende Niederlage bei Malta erlitten und seine Flotte nach Süditalien umgelenkt, um die dortigen wohlhabenden Regionen zu erobern und zu plündern. Im Januar 1566 bat Philipp II. Jakob Hannibal daher, ein Regiment Landsknechte zusammenzustellen, um ihm bei der Verteidigung seines italienischen Königreichs zu helfen.

Über den Splügenpass
Bild aus Meyers Universum [1857], 18. Band
Quelle: Bayerische Staatsbibliothek

Jakob verabschiedete sich von Rom und machte sich mit einer starken Leibwache sowie einem Maultierzug, der seinen bisher angehäuften Reichtum transportierte, rasch auf den Weg nach Norden über die Alpen. Bald erreichte er seine Heimatfestung Hohenems, wo er sein Gold und die Wertgegenstände sicher in den Verliesen verstaute. Anschließend rekrutierte er in Rekordzeit ein Regiment von 6.000 Landsleuten. Ende Februar war er bereits wieder in Mailand, wo seine Frau, die unter der Obhut ihres Bruders auf ihn gewartet hatte, ihn mit großer Erleichterung empfing. Zusammen mit dem Regiment eilten die beiden dann nach Neapel.

Der Aufenthalt im Königreich Neapel war für die junge Hortensia sehr angenehm, fast wie zweite Flitterwochen, auch wenn ihr Gatte oft abwesend war. Während Jakob Hannibal gegen die Türken kämpfte, konnte seine Gemahlin die exquisite Gastfreundschaft des Hochadels genießen. Dieser war sich bewusst, dass sein Wohlergehen, wenn nicht sogar seine Existenz, von ihrem kriegerischen Ehemann abhing. Daher waren alle hohen Häuser bestrebt, der Gattin ihre Dankbarkeit zu zeigen. Wieder wurde sie wie eine echte Prinzessin behandelt, was ihr gut passte. Unter anderem war sie in der Residenzstadt Neapel geschätzter Gast ihrer Schwester Anna, der Gemahlin von Fabrizio Colonna, Sohn Marc Antonios II. Colonna (1535–1584). Der Vater sollte bald den Beinamen „Löwe von Lepanto“ erhalten;  er war einer der Befehlshaber in der Schlacht von Lepanto (1571) und wurde anschließend zum Vizekönig von Neapel ernannt.

Fabrizio Colonna, flankiert von den zwei anderen "Löwen"
Die Sieger der Seeschlacht von Lepanto [1575] 
Quelle: Kunsthistorisches Museum Wien

In dieser Zeit von genüsslichen Bewirtungen auf ihrer Seite und heftigen Kämpfen auf seiner Seite konnte sich das Paar dennoch gelegentlich treffen. Die junge Braut wurde im Oktober 1566 zum ersten Mal schwanger. Leider bedeutete dies auch das Ende dieses angenehmen Intermezzos in Süditalien. Die Türken hatten ihre Anfälle aufgegeben, Jakob Hannibal konnte sein Regiment auflösen und die Abreise des Paares gen Norden vorbereiten. Bereits im November finden wir die beiden wieder in Mailand, wo sie einige Zeit als Gäste von Hortensias Bruder Carlo verbrachten, der dort als Erzbischof residierte (Gottes Vorkämpfer). Aber Jakob war rastlos und wollte die Reise bald fortsetzen.

Via Mala in Graubünden (1872)
Künstler: Morgenstern
Quelle: Städel Museum, Fankfurth

Kurz nach Weihnachten schickte sich der unbeugsame Gatte an, die Alpen zu überqueren – mitten im Winter! Glücklicherweise nicht die direkte Route über den Splügenpass, was nicht gut ausgegangen wäre. Stattdessen wählte er die etwas umständlichere Strecke über den Septimerpass, um die gefährliche und im Winter tödliche Route der Via Mala (Und immer fließt der Rhein) zu vermeiden. Zum Glück der Reisenden war auch eine gerade neuausgebrochene Pestepidemie am Alpenrhein wieder am Abklingen.

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Im Jänner 1567 traf das Ehepaar endlich in seinem dauerhaften Zuhause in Hohenems ein. Jakob hatte sich bemüht, einen würdigen Empfang anzuordnen. Die Untertanen formten Spalier und ihre Hochrufe schallten bis zu den Bergen, die die Herrschaft umringten. Sogar ein Feuerwerk erhellte das Rheintal und die hoch über dem Ort thronende Festung Hohenems. Doch all dies konnte nicht verbergen, dass die junge „Prinzessin" fortan als „brave Burgfrau" ihre Tage in feuchtkalten Gemächern fristen musste, die sich nur schwer mit offenem Feuer in großen Kaminen erwärmen ließen. Ein unerfreulicher Kontrapunkt zum luxuriösen Leben in den Palästen des Südens!

Die Herrschaft Hohenems
Seite aus Meisner [1642], Sciographica Cosmica   Quelle: Universitätsbibliothek Graz

Hortensia hatte erwartet, in den von Fürstbischof Merk Sittich III. errichteten Palast einziehen zu können. Doch hatte sie die Rechnung ohne ihren kriegerischen Gatten gemacht. Schon im Jahr zuvor hatte dieser den für den Bau des Palasts zuständigen Architekten Martino Longhi (1530-1591) angewiesen, sich vorrangig um die Renovierung der alten Festung und deren Bereitstellung als Wohnsitz zu kümmern. So stand das Schloss beim Einzug des Paares erst halbfertig da und sollte in ihrer Lebenszeit so bleiben!

Zum Glück kam bald der Frühling ins Alpenrheintal und heiterte die schwangere junge Frau wieder auf. Im Juli wurde ihr erstes Kind, Margareta (1567-1600), geboren. Das schenkte ihr genügend Beschäftigung, sodass sie nicht allzu sehr über ihre neue Lebenslage prödeln konnte.

Im Oktober desselben Jahres kam dann auch ihr Schwager Merk Sittich III. zu Besuch. Er war gerade auf der Heimreise nach Rom von der großen Synode, die er in seinem Bistum Konstanz abgehalten hatte (Himmlisches Gönnen). Man kann sich denken, dass er nicht gerade erfreut war, seinen Palast, dessen Bau er finanziert hatte, nur im Rohbau vorzufinden. Wie dem auch sei, er fasste den Beschluss, das halbfertige Schloss seinem Bruder Jakob zu schenken. Damit musste dieser die Verantwortung und Finanzierung der Fertigstellung übernehmen! Doch wurde der Bau  zu Jakob Hannibals Lebenszeit nie vollendet. Das geschah erst vierzig Jahre später während der Regierungszeit seines Sohnes Kaspar.

Besucher in Hohenems: Mitte Merk Sittich III. Gegenüber Carlo Borromeo
Ausschnitt aus Hohenemser Festtafel   Künstler: Boys   Quelle: Galerie Hohenems Policka

Nun begann für die junge Burgfrau eine schwierige Zeit der Akklimatisierung. Im Vergleich zu ihren früheren Wohnsitzen war der Residenzort Ems bescheiden. Abgesehen von der Festung gab es an deren Fuß nur Wirtschaftsgebäude, einfache Behausungen für die Angestellten und Leibeigenen sowie eine kleine, alte Kirche. Auch hatte Hortensia Schwierigkeiten mit der Kommunikation. Sie konnte sich nur mühsam die derbe Mundart des Alpenrheins aneignen. Mit Ausnahme ihres Gatten beherrschte niemand ihre Muttersprache, nicht einmal die Amme und das Kindermädchen ihrer neugeborenen Tochter. So ist es nicht verwunderlich, dass die junge Frau bald in schweren Depressionen versank, wie aus ihrer Korrespondenz mit Bruder Carlo hervorgeht.

Dazu kam der Druck ihrer Lebensaufgaben. Als Burgfrau hatte sie nicht nur die Hauptverantwortung für die Bewirtschaftung der Herrschaft zu tragen. Zudem oblag es ihr, Jakob Hannibal einen männlichen Erben zu schenken. Beide machten sich daran, das so schnell wie möglich zu schaffen. Schon ein Jahr nach Margareta kam ein Sohn auf die Welt; leider wich er gleich nach der Taufe von hinnen. Also weitermachen! 1970 wurde ihr zweiter Sohn geboren. Er schaffte es gerade noch, 20 Tage alt zu werden. Hortensias Seelenzustand war nun am Tiefpunkt angelangt.

Kirchenfresko auf Anlass der Visitation des Erzbischofs in Uors, Graubünden
Künstler: Greutter (1616)

Zu ihrem Glück kam ihr Bruder Carlo zur Hilfe. Der Erzbischof hatte gerade eine ausgiebige Inspektionsreise in den Norden seiner Kirchenprovinz unternommen, und dabei Graubünden und die östlichen Alpentäler der Eidgenossen visitiert (Gottes Vorkämpfer). Auf der Rückreise nach Mailand besuchte er im August zum einzigen Mal seine Verwandten in Hohenems und kam dort wenige Tage nach dem Tod des zweiten Sohnes an. Welche Unterstützung und welcher Trost für die trauernde Mutter!

Carlo nahm seinen Schwager zur Seite und ermahnte ihn, besser für das Wohlbefinden seiner Frau zu sorgen. Er selbst würde ihr gleich nach seiner Heimkehr eine italienischsprachige Kinderbetreuerin zukommen lassen. Nach einiger Diskussion kam auch die Idee auf, dass das Ehepaar eine Zeit lang in eine zivilisiertere Behausung umziehen könnte. Gesagt, getan! Schon im November zogen Jakob und Hortensia nach Feldkirch in die Schattenburg um. Das war damals die Hauptresidenz der Habsburger in Vorarlberg. Jakob Hannibal konnte als dessen Pfandhalter über die Burg frei verfügen, solange sein gewaltiges Darlehen an Erzherzog Ferdinand II. nicht getilgt war (Fortes fortuna adiuvat).

Das Ehepaar wohnte über ein Jahr lang in dieser fürstlichen Residenz. Das war genau die Medizin, die Hortensia brauchte, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Im Ort Feldkirch, dem kommerziellen Zentrum Vorarlbergs, gab es Handelsbuden und allerlei Handwerker, und es herrschte ein reges Besuchertreiben. Hortensia konnte dort alles besorgen, was ihr Freude bereitete. Nicht immer sofort, aber alles aus Norden und Süden war binnen kurzem verfügbar!

Seite aus Merian [1643], Topographia Sveviae   Quelle: Bayerische Staatsbibliothek

Bald gab es wieder Anlass zur Taufe, mit der Geburt der zweiten Tochter Klara (1571-1604). Zwar war es kein Sohn, aber das Kind überlebte und wurde von einer italienischen Hilfskraft betreut! Von da an stabilisierte sich Hortensias Gemüt und sie entwickelte sich, langsam aber sicher, zu der weiblichen Hauptfigur des Geschlechts Ems, wie man es von ihr erwartete. Und mit der Rückkehr nach Hohenems gegen Ende des Jahres 1571 konnte die Herrschaft eine neugebackene Burgherrin willkommen heißen.

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Zwei Jahre vergingen, in denen sich Hortensia in Hohenems gut eingerichtet hatte. Im Jahr 1573 kam schließlich Kaspar (1573-1640), der lang ersehnte Sohn, zur Welt! Die Zukunft schien für die junge Herrin rosig. Doch allmählich schlich sich ein Problem an das Ehepaar heran: ihre finanzielle Lage. Das Vermögen des Reichsgrafen war dahingeschmolzen. Ein Großteil davon war im gewaltigen Darlehen an Erzherzog Ferdinand II. eingefroren, der sich kaum darum bemühte, die jährlichen Zinsen zu begleichen. Auch eine von König Philipp II. bewilligte jährliche Pension aus dem Königreich Neapel als Belohnung für Jakobs dortige Kriegsdienste wurde nur teilweise ausbezahlt. Zudem hatte die Instandsetzung der Festung Hohenems saftige Summen verschlungen. Und die jährlichen Erträge aus den Emser Herrschaften reichten bei weitem nicht aus, um die Kosten des reichsgräflichen Haushalts zu decken.

So ist es nicht verwunderlich, dass der Kriegsherr zu Beginn des Jahres 1574 einer Aufforderung König Philipps, erneut ein Regiment aufzustellen, gerne nachkam. Diesmal ging es darum, in den spanischen Niederlanden die Stellungen gegen die aufrührischen Protestanten, auch „Geusen" genannt, zu halten. Wie immer verlief die Musterung der 4.500 Mann starken Truppe (15 Fähnlein) zügig. Als Sammelplatz wurde St. Veit (Vith) im damaligen Herzogtum Luxemburg bestimmt. Die Rüstungen und Waffen wurden in Augsburg, Ulm und Nürnberg eingekauft und sollten über Zabern im Elsass nach St. Veit transportiert werden.

Nun traf das Ehepaar einen schweren Schicksalsschlag. Jakob Hannibal begleitete Anfang Mai den Wagenzug mit den Rüstungen und Waffen mit einem leider allzu kleinen Gefolge. Kurz vor Zabern trafen sie ganz unerwartet auf ein französisches Truppenkontingent, das von einem erfolglosen Kriegszug gen die Niederlande zurückkehrte. Im Gemetzel, das folgte, wurde Jakob Hannibal zweimal schwer angeschossen. Er konnte gerade noch, obwohl halbtot, davongaloppieren. Der ganze Tross war jedoch verloren!


Zabern im Elsass
Doppelseite aus Merian [1644], Topographia Alsatiae   Quelle: Google E-Buch

Die erste Nachricht davon, die Hohenems erreichte, war schauerlich: „Jakob Hannibal ist in Zabern erschossen worden!" Dies traf die arme Gemahlin wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er, der erfolgreiche Krieger, scheinbar unverwundbar, war ihr plötzlich entrissen worden! Jetzt war sie allein und sollte allein die Verantwortung für die Herrschaft und die Kinder tragen! Man kann sich ihre Erleichterung gut vorstellen, als später berichtet wurde, dass der Feldherr doch am Leben geblieben war und in Zabern seine Wunden heilte. Wer weiß, ob die Geburt des zweiten Sohnes Merk Sittich im Juni 1574 sonst gut verlaufen wäre!

Schon im selben Monat konnte Jakob Hannibal die Landsknechte in St. Veit mustern, die nötigen Rüstungen und Waffen – mit eigenem Geld – wieder beschaffen und mit seinem Regiment in Brabant eintreffen. Seine Hauptaufgabe dort war es, Antwerpen als Militärgouverneur zu besetzen. In dieser Aufgabe war er sehr erfolgreich: Gleich zu Beginn seiner Amtszeit konnte er einen Großangriff holländischer Truppen auf diese Hafenstadt tatkräftig abwehren.

Antwerpen zur Zeit des Angriffes
Doppelseite aus Braun [1572], Civitates orbis terrarum   Quelle: Bayerische Staatsbibliothek

In der fast zweijährigen Abwesenheit von Jakob Hannibal oblag es Hortensia, die Hohenemser Herrschaft allein zu verwalten. Dies war sicher nicht einfach für die junge Frau, die bisher immer die Verantwortung mit ihrem Gatten teilen konnte. Dazu kam noch, dass sie sich ständig wegen der Kriegstätigkeit ihres Gemahls ängstigte. Denn seit Zabern war ihr bewusst, dass sich das Kriegsglück jederzeit wenden und ihr den Gatten entreißen könnte. In ihrer Einsamkeit suchte sie zunehmend Trost bei unserem Herrn und der Jungfrau Maria. Eifriges Beten und Wallfahrten zur Marienkirche in Rankweil waren fortan an der Tagesordnung! Besonders gefördert wurde ihr Glaubenseifer im „Heiligen Jahr 1575”, als sie sich unter anderem bemühte, für ihren Mann eine päpstliche Bulle mit dem Jubiläumsablass zu besorgen.

Doch sie machte sich nicht nur wegen des Kriegsdienstes ihres Mannes Sorgen. Ihr war sehr wohl bewusst, dass es in Antwerpen schöne Maiden gab, die dem Militärbefehlshaber gerne Gesellschaft geleistet hätten. So versuchte sie, so gut es ging, mit ständigen Feldpostdepeschen – einmal pro Woche! – engen Kontakt mit Jakob Hannibal zu pflegen. Diese dienten einerseits zur Information darüber, was sich gerade in der Heimat und bei der Verwandtschaft ereignete, enthielten aber vor allem rührende Liebesbezeugungen und sanfte Ermahnungen, sich nicht von weiblichen Reizen verleiten zu lassen. Auf Bitte ihres Gatten schrieb sie ihm einmal sogar auf Deutsch, so gut sie konnte. Dadurch ist es uns möglich, einen kleinen Auszug verbatim wiederzugeben:

"Derhalben lieben Ier mich als ich Euch, so beger ich nit mer uff diser welt und pitt Euch, Herz allerliebster Herr und ainiger Trost und Schatz uff diser welt, daß Ier welt khain böse Anfechtung in Niderlandt nit betriegen noch verfüeren loßen und nit dem Zacharias Furtenbach volgen. Solches srib ich Euch nit darumb, daß ich Euch etwas arges zutraw, aber alain ain gutes uff merkhen und freundtliche warnung khan nichez geschaden."

Die schöne Jungfrau von Antwerpen
Künstler
: Albrecht Dürer (1521)   Quelle: Städel Museum, Frankfurth

Der im Brief genannte „Furtenbach” war einer von Jakobs Subalternen, der in Antwerpen anscheinend Unzucht mit einer Schönheit trieb. Hortensia setzte sich sehr für dessen Gemahlin ein und sorgte dafür, dass sie ihrem Herrn nach Antwerpen folgen konnte, um ihn vor Ort von seinen Versuchungen abzuhalten. Sie selbst wollte auch herzensgern nach Antwerpen reisen, doch der Militärgouverneur wusste dies mit allerlei Ausreden zu verhindern.

Um seine Gattin zu beschwichtigen und zu beruhigen, ließ Jakob ihr aus den Niederlanden allerlei Kostbarkeiten und Luxusgüter zukommen. Auch ein Antwerpener „Hofmaler" wurde engagiert: Anton Boys, der etliche Porträts der Hohenemser anfertigen und die berühmte Hohenemser Festtafel malen würde (Fortes fortuna adiuvat).

Im Juli 1576 war es dann endlich so weit: Der Herr des Hauses landete wieder in Hohenems. Hortensias Freude war groß und ihr Willkommen sehr herzlich; davon zeugt die Geburt des dritten Sohnes Wolf Dietrich (1577-1604) im Frühjahr 1577!

Fresco von Pompeji

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Jakob Hannibal war etwas erstaunt, seine Gemahlin bei seiner Rückkehr als viel gereifter und verantwortungsvoller vorzufinden, als es ihre Briefe vermuten ließen. Kein Wunder, denn ihre Gefühlsstürme, veranlasst durch seine lange Abwesenheit, hatten sich gelegt. Sie hatte sich völlig in ihre Rolle als „erwachsene" Adelsfrau mit Kindern eingelebt; aus der Geliebten war eine Partnerin fürs Leben geworden. Dementsprechend gelassener war sie, als der Gatte im September 1577 wieder verreiste, diesmal nach Spanien, um von Philipp II. für seine Kriegseinsätze in den Niederlanden gewürdigt und belohnt zu werden. Und das wurde er: Philipp erhöhte ihn zum „Grande" von Spanien und belehnte ihn zudem mit der Grafschaft Gallarate in der Nähe von Mailand.

Kaum war er aus Spanien zurückgekehrt, wurde erneut ein Kriegszug aufgeboten. Don Juan d’Austria, der Gouverneur der Niederlande, bat Jakob Hannibal dringend um Unterstützung, um die aggressiven Geusen daran zu hindern, wieder in Flandern und Brabant einzufallen. Bereits im Oktober 1578 wurde von Jakob ein neues Regiment mit 20 Fähnlein gemustert und er zog nochmals gen Norden.

Daraufhin folgte eine langwierige und grausame Episode der Belagerung und Stürmung der Stadt Maastricht gegen Jahresende. Während der Kriegsherr vor und in der Stadt in Blut watete, gab es einen existenziellen Kampf in Hohenems: Im Dezember 1578 schlugen die Blattern ihre Klauen in Hortensia  und beendeten ihr Leben nach kurzer Krankheit. Die Pocken, neben der Pest die tödlichste Seuche, die den Alpenrhein immerfort heimsuchte, raffte sie im Alter von nur 28 Jahren dahin. Man kann sich vorstellen, dass sie in ihren letzten Tagen von Fieberträumen sehr geplagt wurde: fünf Kinder und den Ehemann zurückzulassen und so jung zu sterben!  

Belagerung von Maastricht   Quelle: Palacio real de Aranjuez
Ausschnitt aus Petrarca [um 1520], Trostspiegel in Glück und Unglück
Quelle
: Museum für Sepukralkultur Kassel

Erst ein Jahr später kehrte Jakob Hannibal aus den Niederlanden zu seinen untröstlichen Kindern zurück. Von da an war Schluss mit militärischen Abenteuern. Selbst wenn er es gewollt hätte, wäre es ihm nicht gelungen, weitere Landsknechtsregimente aufzustellen, so siegreich er auch war. Spanien blieb ihm und seiner Mannschaft die Schlussabfertigung schuldig – ein saftiger Betrag von beinahe 300.000 Gulden. Auch wenn der Obrist keine Schuld an dieser Schmach trug, gab es nach Maastricht keinen Knecht mehr, der bei ihm anheuern wollte. Wer will schon unter einem Landsknechtsführer dienen, der die Auszahlung seiner Männer nicht gewährleisten kann!

Der damals schon 49-jährige Witwer sollte auch keine neue Gattin finden, obwohl es an Versuchen nicht fehlte. Doch fand er Trost in seiner Nähe, bei der Hausmeisterin Felizitas Walser, die ihm in seinem avancierten Alter gleich noch drei weitere Söhne schenkte: Hans Jakob Embser, Rochus Embser und noch einen!

Aber wir sind dem Ende der Geschichte zu rasch zugeeilt! Treten wir einen Schritt zurück und versetzen uns noch einmal in das Jahr 1577!

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In diesem letzten gemeinsamen Jahr gab das Ehepaar dem „Hofmaler“ Anton Boys den Auftrag, ein Familienporträt anzufertigen. Daraus wurde ein Monumentalgemälde mit den Maßen 2 x 4 Meter. Davon sind drei Ausschnitte noch erhalten. Sie zeigen das Ehepaar sowie die zwei Töchter und zwei der Söhne – der Dritte war gerade neugeboren. Doch weicht das Gemälde von den traditionellen Familienbildern des Adels ab – dies können wir sehr wahrscheinlich Hortensia zuschreiben. 

Neben dem Ehepaar sind noch zwei weitere Personen abgebildet: der Hofmeister Hartmann Pappus von Trotzberg und die Kammerzofe Pausania Minicona – die engsten Mitarbeiter des Paares. In der Abwesenheit ihres Gatten war Hortensia sehr auf diese beiden festen Standpfeiler der Herrschaft angewiesen und wollte ihnen sicher durch deren Präsenz auf dem Bild ihre Anerkennung und Dankbarkeit zeigen. Damit hat sie sich ein Denkmal in der Kunstgeschichte gesetzt – aber nicht nur das!

Künstler: Boys   Quelle: Hohenemser Porträtgalerie, Policka
Rekonstruktion: Krízová & Junek [1999], Gemäldegalerie der Grafen von Hohenems

Zwar sind die Emser Frauen in den Chroniken der Dynastie kaum geschildert, doch gerade Hortensia benötigt dies nicht. Durch ihre zahlreichen Briefe an ihren Gatten, ihren Bruder und andere Verwandte und Bekannte hält sie auch uns in der Gegenwart auf dem Laufenden und hilft uns damit, sie für immer in Erinnerung zu behalten!

Kommentare

  1. Lieber Emil, du brauchst nicht mehr zu zweifeln, du kannst auch gut das interessante Leben einer mittelalterlichen Frau schildern! Es geht hervor dass ihr Leben nicht allzu leicht war, weil sie, wie so oft die Frauen damals,für die Kinder selbst die Verantwortung übernehmen musste, während der Ehemann im Krieg war. Hortensia hat ihre Aufgabe außerordentlich gut durchgeführt und ich danke dir dafür dass wir auch eine Emser Frau haben kennenlernen dürfen!
    Liebe Grüße
    Eva

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  2. Lieber Emil,
    wunderbar wie du dieses relativ kurze, aber höchst
    intensive Leben einer adeligen Dame ausgeforscht und geschildert hast!
    Bleibt die Frage: Wie können wir zu "Gleichem" in Frauenleben finden, wo
    Frauen doch in so vielen Beziehungen (Denken, Fühlen, Wollen...) anders
    sind als Männer? Ich bin schon neugierig auf deine nächste Forschung!

    Liebe Grüße Friedl

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  3. Sehr schön geschrieben, danke Emil ! Lieben Gruß Cornelia

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