WEIBLICHE NACHHUT

Der Zug des Todes ...          ... mit Zugglöckchen eingeleitet
Künstler: Spangenberg (1876)       Quelle: Alte Nationalgalerie Berlin

Es war Mittagszeit in Hohenems, an diesem kühlen Novembertag, den zwölften, im Jahr 1759. Plötzlich, gleich nach dem Angelusläuten, begann die Zugglocke in der Karlskirche zu schellen. Reichsgraf Franz Wilhelm III., der letzte Emser, war von hinnen geschieden.

Schon sieben Tage zuvor hatte Franz Wilhelm in Graz seinen Geist aufgegeben. Am Morgen danach wurde eine Depesche nach Hohenems abgesandt, die von den Postboten Tag und Nacht hindurch in Staffeln spornstreichs befördert wurde. Nach fünf Tagen war sie am Arlberg angekommen. Doch ein früher Schneesturm verzögerte den Transport. Die Ledertasche mit der traurigen Nachricht musste mühselig Schritt für Schritt durch den Schnee über den Pass geschleppt werden. Am Vormittag des 12. Novembers war es schließlich so weit: Die Depesche konnte dem Herrschaftsverwalter Ferdinand Funkner (1730-1775) im Schloss Hohenems übergeben werden. 

Die Eilpost zu Maria Theresias Zeiten
Künstler: Knüzner (1776)

Die Verkündung bedrückte die Untertanen. Fast ein halbes Jahrhundert lang hatte Hohenems im Dornröschenschlaf gelegen, während die Grafen in Bistrau und Graz residierten. Trotzdem hatte eine stabile Verwaltung und ein beginnender Wohlstand in Hohenems geherrscht. Die letzte Generation der Emser konnte das vergangene Jahrhundert des Elends, der Missstände und der Verschuldung (Schuldenfalle; Die letzte Reise) zu den Akten legen und die Herrschaft wieder in Ordnung bringen. Was würde nun geschehen? Wer würde in Zukunft Landesherr in Hohenems werden?

Die Antwort darauf ließ nicht lange auf sich warten. Denn die Habsburger hatten es seit den Zeiten von Jakob Hannibal III. auf die Hohenemser Herrschaft abgesehen. War sie nicht ein reichseigener Pfeil mitten in den habsburgischen Erbländern? Immer wieder hatten sie versucht, die Emser unter ihre Landesherrschaft zu zwingen – stets erfolglos. Nun war es endlich so weit: Am 11. März 1765 – kurz vor seinem Tod – entschied Kaiser Franz I. Stephan von Lothringen (1708-1765), das Erzhaus Habsburg mit Hohenems zu belehnen.

Der Kaiser ...                                ... belehnt seine Gemahlin
Künstler: van Meytens (1765)
Quelle: Belvedere, Wien                    
Quelle: Hofburg, Wien

Damit war der Herrschaftsübergang jedoch nicht abgeschlossen. Da war ja noch das Fideikommiss zu beachten, das im Gegensatz zur Grafschaft auch weiblich vererbbar war. Franz Wilhelm III. hinterließ eine siebzehnjährige Tochter namens Maria Rebekka (1742-1806). Zunächst stand sie unter Vormundschaft ihrer Mutter Walburga Rebekka von Hohenems, geb. Wagensberg (1720-68), aber vermählte sich schon 1761 mit Franz Xaver von Harrach (1732-81), der sich wie sein Schwiegeronkel als bedeutender General und Hofrat auszeichnete.

Nun musste die junge Erbin ihre Erbansprüche auf das Fideikommiss geltend machen. Zunächst ging es um die Erbfolge: Ihr Onkel Franz Rudolf hatte zwei Töchter namens Caroline und Francisca hinterlassen, die das Erbe nur allzu gerne mit Rebecca geteilt hätten. Es folgte ein bitterer Erbstreit zwischen den Dreien, der erst 1761 mit einem Vergleich beendet werden konnte. Danach war Maria Rebecca als Alleinerbin des Fideikommisses anerkannt und konnte sich mit Hilfe ihres Gatten ganz dem Antritt ihrer Erbschaft widmen. Das sollte sich als nicht ganz so einfach erweisen. Zwar wurde die Herrschaft Bistrau in Böhmen der jungen Herrin ohne Probleme übergeben. Im Gegensatz dazu sollten jedoch ganze dreißig Jahre nach dem Tod des Reichsgrafen vergehen, bis Rebecca ihr volles Erbe am Alpenrhein antreten konnte.

Zum einen ging es um die Herauslösung des Emser Allods (Privateigentums) aus der Hohenemser Herrschaft. Um dies zu bewerkstelligen, musste eine Zweiparteikommission (Reich und Österreich) eingesetzt werden. Im Jahr 1766 kam diese zu dem Entschluss, dass Schloss Hohenems mit Vorfeld sowie ausgedehnte Waldungen und einige Bauernhöfe samt Eigentum in Dornbirn an Rebekka fallen sollten. Der Rest der Grafschaft Hohenems verblieb den Habsburgern als Reichslehen. Bereits 1767 ließ sich Maria Theresia als neue Reichsgräfin huldigen.

Eine bedeutend großartigere Huldigung: Maria Theresia in Ghent 1744
Künstler: Pilsen (1744) nach Kinde     Quelle: Dorotheum, Wien

Danach kam der alte Königshof Lustenau nördlich von Hohenems mit den dazugehörenden Gütern Widnau und Haslach jenseits des Rheins zur Sprache. Für die Habsburger war die Sache schon erledigt. Lustenau sei Teil der Reichsgrafschaft Hohenems und Teil des Reichslehens. „Nicht so!”, entgegnete Rebecca. Merk Sittich I. habe den Königshof bereits im Jahr 1526 gekauft (Magister Militum) und er gehöre als Privateigentum zu ihrem Erbe. Da Lustenau der ergiebigste Teil der Hohenemser Herrschaften war, darf es uns nicht wundern, dass keine der Parteien zurückstecken wollte. So kam es zu einem Rechtsstreit, der jahrzehntelang beim Reichshofrat ausgetragen wurde. Erst im Jahr 1790 kam es zum Ausgleich: Durch einen Staatsvertrag zwischen Österreich und der Gräfin wurde Rebekka als Reichsgräfin von Lustenau anerkannt, allerdings sollte die Grafschaft eng mit Österreich verbunden bleiben.

So können wir uns nun endlich dem Wirken der Emser Nachhut widmen. Noch drei Generationen lang sollten Emserinnen ihr Erbgut verwalten und erhalten. Die Aufgabe ging zunächst an Franz Wilhelms III. Tochter Maria Rebekka von Harrach-Rohrau (geb. von Hohenems; 1742-1806) und Enkelkind Maria Walburga von Truchsess Waldburg-Zeil (1762-1828). Nach Walburgas Tod ohne Nachkommen kam das einzige überlebende Urenkelkind des Feldmarschalls Franz Rudolf von Hohenems zum Zug: Ernestine Freiin von Langet (1804-1868).

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Nach dem Verlust des Hohenemser Reichslehens waren jetzt Tochter und Enkelkind des letzten Reichsgrafen Untertanen des österreichischen Hauses. Das bedeutete doch nicht, dass sie ihren Stand verloren hatten. Im Gegenteil: Sie genossen eine hohe soziale Stellung am Wiener Hof. Sie waren von hochadligem Geschlecht und Privateigentümer von beachtlichen Herrschaften! Noch dazu waren sie alleinstehend: Maria Rebekka war seit 1781 Witwe und Maria Walburga hatte sich 1786 von ihrem Gatten separiert. So waren sie keinerlei Vormundschaft unterworfen!

Ihre hohe soziale Stellung wird schon dadurch belegt, dass sie beide Mitglieder des Sternkreuzordens waren, der höchsten Auszeichnung für Damen am Wiener Hof. Und Kaiserin Maria Theresia selbst bot sich als Taufpatin für Maria Walburga an! Als Trägerinnen des Sternkreuzordens waren die Damen zu Frommheit und Wohltätigkeit verpflichtet – einer Verpflichtung, der sie auch beflissen nachkamen.

Zwei stolze Trägerinnen des Sternkreuzordens
Maria Rebekka von Harrach-Rohrau     Maria Walburga von Truchsess Waldburg-Zei
Künstler: Licht (1795)   Quelle: Hohnemser Porträtgalerie Polička                                                                                                                                            Quelle: Schlossmuseum Kunin

So spielte sich das Leben der beiden Damen vorwiegend in Wien, Bistrau und Kunewald (für Maria Walburga) ab. Im Winter gab es am Hof in Wien ein reges Gesellschaftsleben, im Sommer hielten sie sich auf ihren Herrschaften in Böhmen/Mähren auf. Das Schloss Hohenems und der Reichshof Lustenau gerieten aus nachvollziehbaren Gründen allmählich in den Hintergrund ihres Interesses.

Maria Rebekka ist es zuzurechnen, dass sie treu den Verpflichtungen ihres Ordens kurz nach dem Wiedererhalt des Reichshofs Lustenau im Jahr 1795 sämtliche Leibeigene der Herrschaft bedingungslos freigab. Dies brachte ihr einen erheblichen Abstrich ihrer Einkünfte ein. Auch in Böhmen gehörte sie zu den ersten Grundbesitzern, die das Dekret Josephs II. (1741-1790) zur Milderung der Leibeigenschaft (das „Untertanenpatent”) zügig durchsetztem, sich um die Bildung der Untertanen kümmerten und die Agrarwirtschaft in ihren Herrschaften förderten.

Ihre Tochter setzte die Wohltätigkeit fort und intensivierte sie sogar noch. Sie hatte in ihrer Jugend schwere Schicksalsschläge erlitten, die sie stark prägten. Bereits im Alter von 16 Jahren heiratete sie 1779 Clemens Alois von Truchsess Waldburg-Zeil (1753-1817). In den folgenden sechs Jahren gebar sie ihm vier Kinder. Doch zu ihrem großen Leid starben die ersten drei bald nach ihrer Geburt.

Besonders der Tod ihres dritten Kindes, einer Tochter, bedrückte sie sehr. Diese hatte noch einige Zeit, sogar über die Geburt des nächsten Kindes (dem Sohn Franz Karl Wunibald, 1785-1803), überlebt. So hegte die Mutter große Hoffnungen auf ein gedeihendes Geschwisterpaar. Doch dazu sollte es nicht kommen: Nur der Sohn verblieb, der jedoch auch bereits im Alter von 18 Jahren sterben sollte. Daraufhin verfiel die Reichsgräfin in tiefe Schwermut, von der sie sich lange nicht erholen konnte. Ihr Gemahl hielt das nicht aus, verließ sie im Jahr 1788 in Wien und zog sich mit dem Sohn in seine Heimatherrschaft Zeil im Schwabenland zurück.

Clemens von Truchsess Waldburg-Zeil mit Sohn Franz Karl Wunibald
          Quelle: Schloss Hohenems          Quelle: Hohenemser Porträtgalerie Polička

Von ihrem Gemahl verlassen, kam Maria Walburga allmählich zu sich und begann, sich ein selbstständiges neues Leben aufzubauen. Sie verließ ihren Wohnsitz in Wien und residierte fortan auf ihrer Herrschaft Kunewald (Kunin) in Mähren, ca. 50 Kilometer östlich von Bistrau, die sie 1781 von ihrem Vater geerbt hatte. Selbst wohl ausgebildet in Sprachen und Wissenschaften, begann sie, sich für die Landwirtschaft, das Gesundheitswesen und die Bildung ihrer Untertanen zu engagieren – als Ersatz für die Kinder, die ihr das Schicksal verwehrt hatte. Sie nahm Kontakt mit Schöngeistern in Mähren auf, insbesondere mit den Brünner Freimaurern und den Illuminaten, und setzte sich das Ziel, die Errungenschaften der Aufklärung in ihren Besitzungen umzusetzen.

Um nähere Einsichten für ihre Projekte zu gewinnen, unternahm sie auch einige „Bildungsreisen”. Besonders bemerkenswert waren ein Besuch bei Goethe in Weimar und bei Ernst Julius Salzmann im benachbarten Schnepfenthal sowie längere Besprechungen mit Pestalozzi in Yverdon am Genfer See.

Die große Philanthropin ...    ... und ihre Vorgänger, Pestalozzi und Salzmann

Dann schritt sie ans Werk! Bereits im Jahr 1792 errichtete sie in ihrem Schloss Kunewald eine Erziehungsanstalt namens „Philanthropinum”, die sie mehr als zwanzig Jahre lang aus eigenen Mitteln führte. Hier wurde den begabtesten Kindern in ihren Herrschaften – unabhängig von Stand, Geschlecht und Glaubensbekenntnis – eine Erziehung nach den neuesten pädagogischen Erkenntnissen angeboten. Bald machte dieses Institut als eine der besten Bildungsstätten in den Erbländern von sich reden!

Ein wohlausgebildeter Schüler ...     ... sogar mit Sonntagsunterricht!
Künstler: Blasch (1819)      Quelle (beide): Schlossmuseum Kunin

Leider entstand Maria Walburgas Projekt zu einer Zeit, als die Aufklärung bereits ausklang. Kaiser Joseph II. war verstorben und während der napoleonischen Krisenzeit wurde das Österreichische Kaiserreich geboren, das zunehmend dem bigotten Konservatismus huldigte – getreu dem Motto von Fürst Metternich: „Das erste Bedürfnis eines Staates ist die Ruhe, nicht die Veränderung.“ In der Folge griff der Staat gegen diese Experimentschule ein. So beschloss das mährische Gubernium im Jahr 1814, die Schule zu schließen. Eine Zeit lang führte die Gräfin den Unterricht für die verbliebenen Zöglinge noch informell weiter, doch beginnende Alterskrämpfe ließen auch dies allmählich ausklingen.

Auch in ihren alpenrheinischen Besitzungen war sie wie ihre Mutter als Wohltäterin aktiv. Bei einer Reise in die Schweiz in den Jahren 1808/09 besuchte sie mehrmals Hohenems und Lustenau. Dabei stiftete sie in Lustenau eine Schul- und Volksbibliothek sowie eine Berufsschule für Jungen und Mädchen und vermachte der Schule und den Armen sämtliche Einkünfte aus ihrem dortigen Besitz!

So philanthropisch Mutter und Tochter auch waren, so unbewandert (oder vielleicht auch uninteressiert) waren sie in ökonomischen Fragen. Das führte allmählich zur Verschuldung, wie es schon frühere Emser vorexerziert hatten (Schuldenfalle). Maria Rebekka löste das Problem, indem sie kurz nach Antritt des väterlichen Erbes alle Güter und Rechte in Dornbirn für 45.000 Gulden sowie die beiden Güter Widnau und Haslach jenseits des Rheins für 63.000 Gulden veräußerte. Dadurch konnte sie den Kopf über Wasser halten.

Kammer des Hohenemser Verwalters von Widnau/Haslach

In ähnlicher Weise verfuhr die Tochter sieben Jahre nach dem Tod ihrer Mutter. Im Jahr 1813 schloss sie einen Separationsvergleich mit ihrem Ehemann (eine Scheidung kam damals nicht infrage), in dem sie ihm die Herrschaft Lustenau sowie das Schloss mit den Besitztümern in Hohenems gegen eine Barzahlung von 22.000 Gulden und eine Leibrente von 700 Gulden übertrug. Dabei wurde wohlweislich „übersehen”, dass dieser Besitz ja untrennbarer und unverkäuflicher Teil des Emser Fideikommisses war! Allerdings war das Reich zu diesem Zeitpunkt bereits aufgelöst und Vorarlberg stand nach dem Frieden von Preßburg (1805) unter bayerischer Landherrschaft, sodass dieser Tatbestand problemlos unter den Teppich gekehrt werden konnte.

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Mit dem Vergleich von 1813 war die Präsenz der Emser in Vorarlberg endgültig vorbei. Aber wie kam es dazu, dass sich heute Familienporträts und Reste der gräflichen Bibliothek in Bistrau und Kunewald wiederfinden? Um dies zu klären, müssen wir kurz einen Blick auf die damaligen Zeiten werfen.

Seit dem Ende des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) herrschte dreißig Jahre lang Frieden im Reich. Dieser wurde jedoch 1792 durch die Revolutions- und Napoleonischen Kriege abgelöst, die erst 1815 mit dem Wiener Kongress endeten. In dieser Zeit war auch Vorarlberg mehrfach von den Kriegsereignissen betroffen. Die Emser Kunstschätze befanden sich hauptsächlich im Hohenemser Schloss. Solange Oberamman Ferdinand Funkner die Hohenemser Immobilien verwaltete – bis 1771 –, blieb alles in Ordnung. Doch schon in den restlichen Friedenszeiten begannen unter seinem Nachfolger die Verwahrlosung, der Verfall und die Untertreibung von einem oder anderem leicht versetzbaren Wertstück.

Während der Revolutionskriege (1792-1802) kam es zu mehreren Einfällen französischer Truppen und ihrer Verbündeten in Vorarlberg. Hohenems musste vor allem im Sommer 1800 darunter leiden, als die Franzosen das Ländle ein halbes Jahr lang besetzt hielten. Zu dieser Zeit hatte der französische Befehlshaber Thomas de Saint-Henry sein Hauptquartier im Schloss Hohenems. Er schreckte nicht davor zurück, sich an den Gemälden und anderen Kunstschätzen zu bedienen. Glücklicherweise interessierte er sich nicht für die Porträts der Emser, sodass diese der Nachwelt erhalten geblieben sind.

Franzoseneinfall ...      ... veranlasst Inventarisierung

Während des nachfolgenden (kurzen) Kriegsabbruchs beschloss Maria Rebekka, vermutlich beeinflusst vom französischen Raubzug, zu retten, was noch zu retten war, und alle übriggebliebenen Kunstgegenstände nach Bistrau zu überführen. So betraute sie im Jahr 1803 Johann Freiherr von Stentzsch (1771–1827), ihren juristischen Berater und Geschichtsforscher, mit der Aufgabe, die Wertstücke im Schloss – hauptsächlich Porträts und Bücher – zu inventarisieren und ihren Transport nach Bistrau zu organisieren.

In der alten Festung befanden sich auch Wertgegenstände der Reichsgräfin, nämlich das Arsenal. Doch dies kam nicht nach Böhmen. Bereits im Jahr 1770 wurden die Kanonenkugeln und Rüstungen als Schrotteisen verkauft, während die bronzenen Kanonen versteigert wurden. Aus dem Erlös finanzierte Maria Rebekka den Umbau des Schulhauses in Hohenems. Auch wenn dies ein guter Zweck war, ist es doch bedauerlich, dass keine der antiken Kanonen bei der Gräfin Gnade fand. Wenigstens die Büchsen „Unverdrossen” aus Merk Sittichs I. Zeiten und „Schöner Pfau”, ein Geschenk Erzherzog Ferdinands II. an Jakob Hannibal I., hätten einen Ehrenplatz vor dem Schloss Hohenems verdient. Stattdessen zeugen noch heute die tiefbronzenen Töne, die aus etlichen Kirchentürmen rund um den Bodensee von Lindau bis St. Gallen schallen, vom Kriegerruhm der alten Emser!

So hätten sie heute noch stehen können
Kanonen auf Schloss Gripsholm, Schweden

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Da Maria Walburgas Sohn Franz Karl bereits 25 Jahre vor ihr verschieden war, entbehrte die Gräfin eines Nachkommens. Doch die Philanthropin wusste Rat. Sie hatte in den letzten Jahrzehnten ihres Lebens einen lernbegierigen Knaben schätzen und lieben gelernt. Es handelte sich um den Sohn ihres Privatsekretärs namens Friedrich Schindler (1809–1867). Sie bemühte sich um die Erziehung dieses „Ersatzenkels” und vermachte ihm ihr gesamtes Vermögen! Dabei übersah sie jedoch, wie schon 1813, dass die Herrschaft Kunewald sehr wohl ihr Privatbesitz war, Bistrau jedoch Bestandteil des alten, schon von Kaspar von Hohenems eingerichteten Fideikommisses (Desengaño). Und diesmal reagierten die Behörden! Das Erzhaus Österreich hatte Erbanspruch auf dieses Fideikommiss, falls keine natürlichen Nachkommen des Hauses Ems mehr vorhanden waren, und Bistrau lag in seinem Herrschaftsbereich.

Kunewald ...                                ... und sein Erbträger
Quelle: Schlossmuseum Kunin

Friedrich Schindler, der später zum Ritter von Kunewald geadelt wurde, beharrte auf seinem Erbanspruch, woraufhin ein Rechtsverfahren um die Herrschaft Bistrau begann, das sich über ganze zwanzig Jahre erstrecken sollte. Hinzu kam, dass mit Ernestine Freiin von Langet (1804–1868) auch eine natürliche Erbin mit berechtigtem Anspruch auf das Fideikommiss auf die Szene trat. Sie war das einzige überlebende Urenkelkind des Feldmarschalls Franz Rudolph von Hohenems. So wurde ihr im Revolutionsjahr 1848 die Herrschaft über Bistrau rechtlich anerkannt, während die Habsburger sich noch eine Generation gedulden mussten.

Wie ihre Vorgängerin war Ernestine von Langet eine wohlausgebildete und hochkultivierte Persönlichkeit. Im Gegensatz zu Maria Walburga war es ihr jedoch nicht vergönnt, die Gunst der Kaiserin und die Nähe zum Hof zu genießen. Kein Sternkreuzorden für die Freiin! Sie stammte aus einer Ehe „zur Linken”, die ihr Urgroßvater mit Francisca Romana de la Roche eingegangen war (Abendrot). Durch diese nicht standesgemäße Ehe verloren Franz Rudolphs Nachkommen den Hochadelsstatus. 

Doch diese Standessenkung kam Ernestine eigentlich entgegen. Sie war nicht mehr so vermögend wie ihre Vorgängerin, die neben Bistrau auch Kunewald besaß. Sie konnte nur dankbar dafür sein, dass sie keine Ausgaben für eine hochadlige Repräsentation leisten musste. Hinzu kam, dass ausgerechnet im Jahr 1848 die grundherrlichen Patrimonialrechte in Böhmen abgeschafft wurden, sodass ihr Einkommen auf die Erträge ihres privaten Grundbesitzes in Bistrau beschränkt war. Und dieser war in den zwanzig Jahren des Rechtsstreits und der Zwangsverwaltung ziemlich verkommen.

Dies hielt sie jedoch nicht davon ab, ihre Herrschaft als Zentrum der Kultur und Wissenschaften zu gestalten und zu bewahren. Mit ihrer kultivierten Persönlichkeit inspirierte sie offenbar gleichgesinnte Schöngeister in Böhmen. So hielt sie bis ins hohe Alter „Salon” im Schloss Frischenberg ab, das zu einem Treffpunkt der gebildeten Elite heranwuchs. Kein Wunder, dass Bergman von ihr inspiriert wurde, sich längere Zeit in Bistrau aufzuhalten, ihr dabei zu helfen, die Familienporträts zu ordnen und zu identifizieren, und natürlich auch seine beiden Emser Monografien zu verfassen (Abendrot).

Auch wenn Ernestine nur zwanzig Jahre lang als Herrin von Bistrau wirken konnte, erscheint sie uns als eine durchaus ehrenvolle Abrundung des Emser Stammbaums. Ehre, wem Ehre gebührt! Es ist bedauerlich, dass kein Porträt von dieser letzten Emserin überliefert ist. Sie fand in der Kapelle des St. Johann Nepomuk unweit von Bistrau die ewige Ruhe – in Gesellschaft mit Reichsgräfin Maria Rebekka. Deren Tochter hingegen ruht in der Kirche in Kunin. Und die Herrschaft Bistrau fiel nach Ernestines Ableben an Kaiser Franz Josef.

Die St. Johann Nepomuk Kapelle ... Letzte Ruhestätte für zwei Emserinnen

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Die Geschichte des edlen Hauses Ems fand mit Ernestine ihren endgültigen Abschluss. Nach 31 Blogabschnitten könnte man meinen, es wäre langsam Zeit, sich anderen Themen zu widmen. Doch wollen wir noch einen letzten Blick auf die gewaltige Anlage werfen, die den Aufstieg des Hauses einleitete und ihr Schickal jahrhundertelang beeinflusste und bezeugte: die Festung Hohenems

Gebaut von Herzog Welf VI. zu Beginn des 12. Jahrhunderts, bestürmt und zerstört von den Appenzellern zu Beginn des 15. Jahrhunderts, wieder aufgebaut und von Jakob Hannibal I. zu einer "unbezwingbaren Feste" ausgebaut, und letztens für die Landesverteidigung noch gegen Ende des 17. Jahrhunderts eingesetzt, verlor sie danach ihre militärische Bedeutung. Doch ruhte sie noch als Mahnmal hoch über der Herrschaft Hohenems.

Die letzten männlichen Emser unterhielten sie noch einigermassen, doch die Habsburger hatten wenig Interesse an ihr. Einen letzten Aufschwung erlebte sie während des Siebenjährigen Krieges, als sie als Lager für preußische Kriegsgefangene genutzt und dafür notdürftig instand gesetzt wurde. Danach begann jedoch der endgültige Verfall. Um 1790 erlitt die Festung den Gnadenstoß. Alles, was sich verkaufen ließ, wurde versteigert, abgetragen und entfernt: Dächer, Fenster, Türen, Einrichtungsreste usw. Übrig blieben die Mauern, die den Naturkräften ausgeliefert waren. Bald ragten nur noch Mauerreste wie die verfaulenden Zähne eines greisen Riesen über den Alpenrhein empor: Ein Mahnmal dafür, dass alle menschlichen Großtaten allmählich verblassen.

Sic transit gloria mundi!
Künstler: Isser-Großrubatscher (1827)   Quelle: Fernandeum, Innsbruck

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